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III. Französische Machtpolitik

Die Ausprägungen und Folgen französischer Expansion am Beispiel des ehemaligen Kurstaates, nachmalig Teil Frankreichs und weiter gehende napoleonische Ansprüche sind bekannt, der Eroberungshunger erfasste ganz Europa. Es kann nicht um Schuldzuschreibungen gehen, erst recht nicht aus verschiedenen Zeiten und Systemen. Aus dem französisch/deutschen Spannungsverhältnis sind aber Konstellationen anzusprechen, die zum Verständnis beitragen. Nach der in den späten 1920er Jahren durch Briand und Stresemann bewirkten temporären politischen Entkrampfung gibt die „Graswurzelpolitik“ der unzähligen aktuellen deutsch/französischen Partnerschaften eine dauerhafte Chance!

 

Über das Gebiet und die Zeit des Kurstaats hinaus hat französische Expansion und Bedrückung die Bevölkerung erheblich belastet. Der Wohlstand und die positiven Strukturen (s. hierzu die Einsicht Forsters aus Paris) wurden vernichtet. Die Ausbeutung, Massenvertreibungen und Zerstörung der Infrastruktur warfen die linksrheinischen Gebiete weit zurück. Die Strahlkraft z. B. der Weimarer Klassik, des Göttinger Wissenschaftsbetriebs und der selbst in dem kleinen Jena tätigen und geförderten „Kulturschaffenden“ wie die Schlegels, Hölderlin, Novalis und Schleiermacher gingen an Mainz vorbei. Hier war der im Sinne seines Herrn erfolgreiche Präfekt Jeanbon St. Andre damit beschäftigt, mit einer Vielzahl ausgeklügelter direkter und indirekter Steuern (auch Fenster-, Türen- und Möbelsteuer) die Staatskasse zu füllen. Unterstützt wurde er hierbei von der Geheimpolizei Fouchés. Der war mit Jeanbon aus gemeinsamen Zeiten im jakobinischen Wohlfahrtsausschusses unter Robespierre befreundet. Die Verfolgungen von Freund Fouche sind dokumentiert. (s. Fouche in „Stefan Zweig“, Projekt Gutenberg/Spiegel). Als enger Weggefährte Robespierres ist er den „Säuberungen“ nur deshalb entkommen, weil er auf Reisen war. Die für Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses erforderliche rücksichtslose Härte und Gesinnung gerade in hervorgehobener Position war beiden nicht abhandengekommen, stellten diese jetzt ganz in den Dienst des „Empereurs“ (s. Nachweise unten). Der Präfekt ging rücksichtslos vor (Mathy, s. unten).

Die in die neuen linksrheinischen Gebiete kommenden Franzosen grenzten sich ab, sahen sich eher als Herren denn Bürger des Landes. Ein Teil der sich in den Departements ausbreitenden Neuankömmlinge war der „Abschaum Frankreichs“ („Das Recht des Gottesdienstes ... in der Diözese Mainz v. 1802 - 1818“ v. Georg May Bd. II. S. 277)

Die Entkatholisierungspolitik sollte im Abriss des Mainzer Doms gipfeln. Ein unglaublicher, brutaler Affront gegen die tiefgläubige Bevölkerung, die sich mit dem Wahrzeichen ihrer Stadt identifizierte. Bischof Colmar schaltete Napoleon ein. Dem war an guten Beziehungen zu Rom gelegen, der Dom blieb - gegen zähen Widerstand und allen Nickligkeiten des Präfekten. Colmar war über 1814 hinaus Bischof.

Aufgabe des Präfekten war, die „deutsche Natur der Jugend im Keim zu ersticken, französische Sprache und Sitten an Stelle der vaterländischen zu pflanzen und durch Einführung soldatischer Zucht und Tracht blinde Anhänglichkeit an den Glanz Frankreichs, blinden Gehorsam zu seinem erobernden Kaiser zu gewinnen.“ ( s. Mathy in „Mitteilungsblatt rhein. Landeskunde 4/64“ S. 145, 148, 150, ebenso M. „Als Mainz französisch war“ S. 51)/ „Das Recht des Gottesdienstes in der Diözese Mainz zur Zeit Colmars“ von Georg May, Bd. 2. v. 1987, Bl. 278)

Den kulturellen Hochstand im Deutschen Reich hat Madame de Stael in ihrem 1810 erschienen Werk „Über Deutschland“ beschrieben. Hiernach wurde der Begriff vom Land der Dichter und Denker geprägt. Zur Zeit ihrer Erfahrungen waren die linksrheinischen Gebiete schon lange von dieser Entwicklung abgekoppelt. Selbst wenn der Verfasserin eine gewisse pädagogische Absicht zugesprochen werden sollte: Das Ergebnis ihrer recht unmittelbaren Recherchen ist eindrücklich genug. Auch wenn Madame ihren Landsleuten nachahmenswerte Beispiele zeigen wollte: Ein Spiegel kann nur vorhandenes reflektieren.

Verständlich, dass Napoleon die Dame nicht mochte...

Die diktatorische Alleinherrschaft Napoleons war rücksichtslos. Auf seinen ausdrücklichen Befehl hin wurde der fränkische Buchhändler Palm 1806 ohne ordentliches Verfahren von einem Militärpeloton erschossen, weil er eine anonyme Protestschrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ gedruckt hatte. Daran zeigt sich, dass der vielgepriesene „Code Civic“ ein zahnloser Tiger war, wenn es dem „Empereur“ gefiel. Napoleon gab zu verstehen, dass der auf die deutschen Verhältnisse nicht passe. Im Übrigen sollten mit dem „Code“ die erforderlichen militärischen, finanziellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen zum Ausbau des Empire geschaffen werden. 

(Fehrenbach in „Vom Ancien Regime zum Wiener Kongreß“. Oldenburg-Verlag 1981 S. 85/86). 

Im Kurstaat waren mehrere Dutzend auch frz. Tageszeitungen und viele Periodika zugänglich. Die Franzosen ließen nur die Zeitungen der Klubisten gelten. Napoleon duldete später allein den regierungsamtlichen Moniteur.

Napoleon kannte nur eine Autorität: Napoleon. Dieser hatte sich alles unterzuordnen. Er wollte absoluter Alleinherrscher wie Ludwig XIV. und Welteroberer sein, hat damit alle revolutionären Werte verraten. Er war ein Schlächter. Zwei sichere Zitate: 1. „Ein Mann wie ich darf 100.000 Soldaten im Jahr verbrauchen“. 2. „Mir kommt es auf eine Million Tote nicht an“ (Augenzeugeberichte E. Kleßmann in Befreiungskriege  1813-1815). Dazu hat wesentlich der Russlandfeldzug beigetragen, von 550.000 Soldaten haben kaum 10% und die nur mit teils erheblichen seelischen und körperlichen Schäden überlebt. Bei dieser Vielvölkerarmee waren Franzosen der kleinste Anteil. Er wollte „seine Landsleute schonen“. Für seine Armee hat er rücksichtslos junge Männer ausheben lassen, im linksrheinischen Gebiet von 1804 bis 1814 rund 80.000 Personen. (Rekrutierung von Konskribenten, Aushebung von Wehrpflichtigen,  im Donnersberggebiet detailliert nachgewiesen, s. H. Geißler). Der ausgeübte Zwang war rücksichtslos und unmenschlich, die Eltern der sich dem Wehrdienst entziehenden jungen Männern bis zur völligen Vermögenslosigkeit auszupfänden, in das Gefängnis zu werfen (s. Dokumentation  zu Gonsenheim). Unter bestimmten Umständen konnte man sich freikaufen, was ab 1808 den Juden nicht mehr gestattet war.

Sein Strafgesetzbuch von 1810 führte die barbarischen Strafen des Halseisens und der Brandmarkung wieder ein. Spitzelei und Denunziantentum war an der Tagesordnung. Meinungsfreiheit gab es nicht, Andersdenkende wurden inhaftiert oder in Anstalten eingeliefert. Die Bürger waren Willkür ausgeliefert. Und um die Kehrtwende abzuschließen wurde 1808 der Adel als persönlicher und Amtsadel wieder eingeführt („Napoleon: Revolutionär und Monarch“ v. Roger Dufraisse, 2005).

Das Volk war seiner mehr als müde. Nach der - plünderungsfreien! - Eroberung von Paris 1814 hat eine große Menge ihre Abneigung durch den Abriss der Bildsäule Napoleons - „eine 130 Fuß hohe Säule aus Kanonenerz“ - gezeigt („Nachrichten und Bemerkungen aus den Feldzügen des Jahres 1813 und 1814...eines Feldgeistlichen.“, Berlin 1814, FO bvb-bsb10717893-2)

Die reiche Entwicklung in der Romantik, die sprachliche Hochkultur, Visionen und Schöpfungen Schillers zu einem deutschen Weg, all das, was als originäre deutsche Identität dann auch im übrigen Europa bekannt wurde, fand ohne die Bevölkerung in den französisierten Gebieten statt.

(s. „Romantik“ v. Safranski, 10/2009)

Nach der folgenden Karte, die geschichtliche Entwicklung widerspiegelnd, erklärt sich zwanglos der geläufige, durchaus einseitig zu verstehende Begriff „Erbfeind“. Aggressionen, Eroberungen, dauerhafte Landnahmen und Plünderungszüge waren stets gegen das Deutsche Reich gerichtet. Über Jahrhunderte war die Bevölkerung diesen Expansionen ausgesetzt, wurden mit Napoleons Heeren noch weiter ausgedehnt (s. Abschnitt Kurstaat und die Eroberung von Mainz).

Wikipedia.org (History et France) Autor map,yug, traduction et modification couleurs.free

Der Rhein war für Frankreich selbstverständlich zu beanspruchende „natürliche Grenze“ nach Osten, von Cäsar her mit den Grenzen des alten Gallien begründet und seit vielen Jahrhunderten, intensiv mit Richelieu und den späteren „Reunionskriegen“ Ludwig XIV. Ziel französischer Politik. Von Metz über Verdun und Straßburg einschließlich Elsass wurden unter Ausnutzung der partikularistischen Schwäche dem Deutschen Reich Gebiete entrissen, waren vielfach Einfallpforten für französische Heere nach Deutschland („Deutsche Geschichte“ von Stier, 1958., S. 831/832). Ab 1680 waren „Reunionskammern“ tätig, die Rechtsfiktionen für beanspruchte und mitten im Frieden überfallene Gebiete lieferten (Smets a. a. O. S. 27). So war bereits im 17. Jh. von dem ständig bedrohenden „Erbfeind“ die Rede. Gespeist wurden Begriff und dessen Inhalte ganz wesentlich von den Expansionen des „Sonnenkönigs“, dessen General Melac im sogenannten „Pfälzischen Erbfolgekrieg“ Ende des 17. Jh. mit größter Grausamkeit von Baden-Baden bis Mainz 1200 Städte und Dörfer niederbrannte, die Bevölkerung erheblich dezimierte und das Land systematisch verwüstete (Smets „Der Rhein - Deutschlands Strom Frankreichs Grenze, Jahrbuch westdeutsche Landesgeschichte 24, 1998, S. 26ff). In manchen Dörfern sind noch heute die entsetzlichen Taten des „Bluthundes“ Melac über Kinderreime in Erinnerung. („Die alten Franzosen in Deutschland...“ v. 1793 bei G. Kellermann S. 2. ff.). Die massiven französischen Bedrohungen mit Aufmarsch der Heere zur Kaiserwahl 1742 sollten beeinflussen, die Franzosen hatten schon den Plan zur Aufteilung des Reiches, das sollte zur Provinz Frankreichs werden (Carlyle in „Friedrich der Große“, S. 268 ff).

(Karte der 1689 zerstörten Gebiete, aus: Kurt von Raumer, Die Zerstörung der Pfalz 1689, München 1930, S. 358, rights: DeGruyter com. oldenbourg Verlag)

Vor diesen Hintergründen ist verständlich, dass Custine mit großer Skepsis begegnet wurde, die sich durch den weiteren Verlauf mit den Dezemberdekreten 1792 und den menschenverachtenden Deportationen bestätigte.   9/236.)

Napoleon I. setzte die Politik mit Eroberungen und Erwerbungen nach Osten fort, die linksrheinischen Gebiete mussten auf Dauer zu Frankreich (s.oben)

Sorel (s. Nr. 25 Europe et la révolution francaise, S .248 ff) als bedeutendster französischer Historiker des 19. Jh., weist diese Politik der Rheingrenze ab den frühesten französischen Herrschaften nach und bestätigt den „unverrückbaren Anspruch“. (Differenzierend s. Nr 13: „Die deutsche Staatsgrenze - rechtshist. Grundlagen“ v. Khan, 2004, S. 527ff).

1792 über 1797-1814, 1840 („Rheinkrise“) mit frz. Kriegsdrohungen und danach unter Napoleon III. - 1860 - angekündigter „Grenzrevidierung“ wurde diese Politik weiter betrieben. Der aggressive Bonapartismus von Napoleon III. führte gerade am Rhein zu einem besonders ausgeprägten nationalen Abwehrwillen (Scheel Bd. III. S. 278).

Närrische Entgegnung auf Frankreichs Drohungen -

Zum Bild: Auf dem Fluss, mit Vater Rhein und Mainz im Hintergrund, kommt Napoleon III. mit einem Leierkasten vor dem Bauch, das alte Lied vom Rhein als Frankreichs Ostgrenze spielend. Auf dem Instrument der gallische Hahn. Von der anderen Seite eilt die Schutz- und Garnisonsmacht mit der österreichischen Narrenfregatte herbei, den Doppeladler auf dem Buggeschütz. Im Zentrum schließen Prinz Karneval und Prinzessin Moguntia ein Schutz- und Trutzbündnis. Zu deren Füßen ein Jambon de Mayence und - bescheidener - Pellkartoffel mit Heringen, flankiert von großkalibrigen Schaumweinflaschen. Einschließlich Fische sind über die Kopfzier alle als Narren kenntlich.

Nach dem von Frankreich erklärten und verlorenen Angriffskrieg 70/71 sann das Land bereits 1875 mit Aufrüstung und tönender Presse auf Revanche. Ludwig Bamberger, führender Mainzer Revolutionär von 1848, war nach seiner Flucht viele Jahre Bankier in Paris. Er beschrieb den in der französischen Gesellschaft herrschenden und nötigenfalls mit Gewalt zu verfolgenden Anspruch auf den Rhein. Denkschrift Hansemann 1830: „Die Lieblingsidee vieler Franzosen: Die Rheingrenze. Diese Idee wird vielleicht die Ursache zu einem Krieg leichter finden lassen als sie sonst ergriffen werden würde.“ 7.1). 8.) 70.), 71.) 74.)

Oft, über Jahrhunderte und mit bewaffneter Energie hat Frankreich nach Osten ausgegriffen, zum Rhein, hat sich damit wiederholt die Bezeichnung „Erbfeind“ verdient. Die Interessen des Deutschen Reiches waren nie auf Expansionen und dauerhafte Landnahme französischer Gebiete gerichtet. Die dem Abschnitt vorangestellte Karte verdeutlicht Überwältigungen, Okkupationen und Vereinnahmungen.

Daran hatte keine deutsche Regierung Interesse. Das galt selbst nach 70/71. Wenn die stark befestigten, ehemals deutschen und von Frankreich vereinnahmten Städte Straßburg und Metz als Faustpfand verblieben, das Elsass selbständiges Reichsland wurde, so aus Sicherheitsbedürfnis. Diese seit dem 17. Jh. für französische Heere nach Deutschland dienenden Einfallspforten sollten verschlossen sein („Deutsche Geschichte“ , v. Stier s.o S. 823)

Das war Wunsch der südwestlichen Fürstentümer, die oft genug unter den Einfällen zu leiden hatten. Dafür schlossen sie sich dem Norddeutschen Bund und dem Einigungsgedanken an. Bei den Reparationsverhandlungen nach dem Krieg flehten die französischen Unterhändler, dass man ihnen die Schmach eines Bonaparte ersparen möge …(s.Bismarckbiographie, Schmidt S.416)

Die Besetzung der Rheinlande nach dem 1. WK ab 1919 mit Separatismusbestrebungen und Versuchen einer „Rheinischen Republik“ scheiterte zuletzt 1923 an der Solidarität der Besetzten. Erwartungsgemäß griffen die Franzosen wie mit einem Rechtstitel auf die Überleitung von 1793 zurück, auch wenn sonst in Frankreich von der klubistischen Scheinrepublik weder Rede war noch ist. Als Druckmittel die Ausweisung von Bürgern, allein in Mainz über 5000 einschließlich Oberbürgermeister. Für die Kontroll- und Einschüchterungsmaßnahmen vor Ort wurden ganz überwiegend Kolonialsoldaten eingesetzt. 1792/93 lässt mit den von damals bekannten Verbrechen und Unwahrheiten grüßen! Erst 1930 zogen die Franzosen aus dem Rheinland ab.

Die an Frankreich zu leistenden Reparationen umfassten auch Kohlelieferungen. Die deutsche Bevölkerung wurde nachrangig versorgt. Der Mangel war empfindlich. Als der Ruhrindustrielle Stinnes Kohlenzüge in bedürftige deutsche Gebiete umleitete, wurde ihm in Mainz der Prozess gemacht. Die Solidarität der Bevölkerung zeigte sich vor dem Gericht mit Sympathiebekundungen Zehntausender. Die Menge wurde mit französischen Lanzenreitern - Spahis - auseinandergetrieben.

Franzosen und Belgier besetzten das Ruhrgebiet und das Umland. Bis zu 100000 Soldaten sollten den passiven Widerstand brechen, die Reparationen nachdrücklich durchsetzen. Es kam zu vielen Toten. Die Minderversorgung führte in der Bevölkerung zu Mangelerkrankungen, Hungersnöten und hoher Sterblichkeit (s. „Kampf um den Rhein“, „Festgabe zur Befreiung der Rheinlande“, beide Mainz1930/“Hinter den Kulissen des Separatismus“, Frankfurt 1924)

Der sich selbst als antibürgerliches Kampfblatt verstehende „Simplicissimus“ hat hierzu eine Karikatur abgedruckt:

 

(„Es müssen noch viele verhungern ehe ich satt werde“)

Ausstellungstext zu diesem Bild:

 

Die Karikatur bezieht sich auch auf die Gewohnheit, in von Frankreich besetzten Gebieten eine Generalsfourage einzufordern. Während General und Stab üppig schlemmten, litt der einfache Soldat Hunger und die Zivilbevölkerung verzweifelte, hatte von den angeforderten Waren kaum einen Begriff. Die offizielle Forderung: Der Krieg hatte sich aus den eroberten Landen zu nähren und möglichst einen Überschuss zu erwirtschaften.

(s. Blanning, Oxford in: Deutsche Jakobiner, Handbuch Bd. 1, Mainz 1981 S. 87ff)

Die linksrheinischen Gebiete prosperierten in Friedenszeiten und gingen in Krieg und Besatzung nieder, durch die fremden Heere wurde das Land ausgesogen, die Menschen versanken in bitterstem Leid und Armut.  

Der gern und stets wiederholten angeblichen Hinneigung der linksrheinischen bzw. rheinhessischen Bevölkerung nach Frankreich hat der französische Historiker Droz widersprochen, vielmehr konstatierte er im Rheinland Franzosenfeindschaft (s. Fehrenbach in „Politischer Umbruch und gesellschaftliche Bewegung“, Oldenbourg-Verlag 1997 zu „Deutschland und die frz. Revolution“ S. 42). Das korrespondiert mit den Feststellungen von L. Bamberger, dem Kopf der 1848er Revolution, wonach 1792 „von einer freiwilligen, von Hause aus sympathischen Hinneigung zu Frankreich bei den Massen nicht die Rede war . „Das Liebchen der französischen Schlachtenphantasien ist und bleibt der Rhein.“ Und so denken von hundert Menschen neunzig in diesem Land (Frankreich) (s. L. Bamberger „Gesammelte Schriften“ Bd. I. S. 164ff, s. auch Abschnitt zu „Machtpolitik“). Bamberger hatte es nach seiner Flucht über die Schweiz und England nach Paris verschlagen, wo er als Mitglied einer Bankiersfamilie viele Jahre in der französischen Gesellschaft lebte

 Das Ziel mit den alten Rezepten weiter im Visier wurde auch nach 1945 wieder aufgegriffen, als de Gaulle im Oktober 1945 vor den im Baden-Badener Hauptquartier versammelten Besatzungspersonal forderte: „Frankreich bis an den Rhein muss endlich Wirklichkeit werden“. Mit Klarheit und Bestimmtheit ausgedrückt, an diesem alten frz. Ziel keine Zweifel gelassen. 19.) Der Anspruch auf „Mayence“ wurde von der Besatzung mit überdimensionalen Bildwänden in der Stadt, die Präsenz Frankreichs zu den jeweiligen Zeiten seit dem 17. Jh. dokumentierend, unmissverständlich ausgedrückt. Dort ist die Zugehörigkeit zu Frankreich ab 1793 angegeben, also nach Ende der „Republik“ infolge Einverleibung. Und nur wenige Jahre vor dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag hat sich de Gaulle dahingehend geäußert, dass zukünftig die „beiden Nachbarstaaten links und rechts des Rheins (!)“ friedlich zusammenleben mögen.  8.), 13.), 14.), 18.), 29.), 31.), 48.), 51.), 52.)

 

Mitterands grundsätzliche Ablehnung einer deutschen Wiedervereinigung („Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich gerne zwei habe“) dürfte noch in guter Erinnerung sein. Eine Untersuchung der Publikationen von 20 angesehenen frz. Geschichtswissenschaftlern aus den letzten Jahrzehnten hat in ganz erschreckendem Maß gegenüber Deutschland deutliche Vorbehalte, überkommene Vorurteile und gar Diskriminierungen zutage gefördert. Einstellungen, die hier weder Wissenschaftler noch Schriftsteller ohne herbste Kritik äußern dürften (s. Hanne Milling in „Mythes et tabous des relations franco-allemandes au XXe siècle/Mythen und Tabus der deutsch-französischen Beziehungen im 20. Jahrhundert“, Reihe Convergences Bd. 65 v. 2012).

Das korrespondiert mit persönlichen Erfahrungen deutscher Besucher auf dem ehemaligen Schlachtfeld des WK I. in Verdun (s. AZ v. 4. 6. 16)

Zur Entwicklung des Machtstrebens nach der frz. Revolution auf den Kurstaat hin (ergänzend zu I. und II.)):

Ab 1792 betrieb Paris nachhaltig die Eingliederung. Bereits 1791 war in der Nationalversammlung von den natürlichen Grenzen Frankreichs – bis an den Rhein! - die Rede. Im Pariser Jakobinerklub wurde am 1. 1. 1792 die Rheingrenze gefordert . Am 30. 10. 92 schrieb der französische Außenminister: „ Nur der Rhein kann Grenze unserer militärischen Kampagne sein.“ Der nach anfänglicher Ablehnung des „Klubbetriebs“ mit großzügigster Alimentation aus der Kriegskasse Custines als Klubist gewonnene Forster trat mit diesem Vorschlag an die Öffentlichkeit.   46.) S. 26

Während Frankreich im Gefolge von 1789 wiederholt und auch in der aktuellen Nationalverfassung Eroberungskriegen eine Absage erteilt hatte und nur auf ausdrücklichen Wunsch eines bedrängten Volkes eingreifen durfte, war diese Klausel mehr als lästig geworden. Frankreich benötigte Beute, die riesigen Schulden bedurften Deckung, es musste erobert und geplündert werden. Die offenkundig manipulierte Mainzer Abstimmung (s. Abschnitt „Wahl“) war weniger als fadenscheinig, niemand konnte daraus den Wunsch der Bevölkerung zur Einverleibung herauslesen, ganz im Gegenteil (Hansen Bd. II. S. 519).

Seit Januar 1793 war die Rheingrenze ganz offizielles Kriegsziel. Territorialer Zugewinn und Großmachtträume wie in feudalen Zeiten waren auf den Rhein gerichtet. Das wurde konsequent und unbeirrbar verfolgt. Hierbei spielten für Frankreich finanzielle und wirtschaftliche Umstände eine entscheidende Rolle. 4.), 6.), 8.), 9.) 25.) 69.)

Statt Annexion war immer von einer „Reunion“ mit Frankreich die Rede. Wegen der Überzeugung, die Lande bis zum Rhein wären seit jeher von Frankreich zu beanspruchen – mit zusätzlichem Rückgriff auf Cäsar und Karl den Großen! -, würde es sich um rechtmäßige Wiedervereinigung handeln.

Die französischen Armeen hielten 1792 Gebiete zwischen Nizza und den Niederlanden besetzt. Die damit einher gehenden gewaltigen Kosten konnten nur zum Teil der Bevölkerung auferlegt werden. Ein freiwilliger Anschluss an Frankreich war kaum zu erwarten. Möglichst bald waren eroberte Gebiete anzuschließen, ausdrücklich auch gegen den Willen der jeweiligen Bevölkerung.

So die Pariser Dekrete vom 15./17.12.1792, s. S. 37

In den Niederlanden und Aachen waren Empörung und Abneigung besonders groß. Die Franzosen fühlten sich zwar geschmeichelt, weil in den Gassen Aachens immer wieder die Melodie der Marseillaise ertönte. Die im Dialekt unterlegten allerübelsten Beschimpfungen hätten ihnen aber ganz und gar nicht gefallen. Ein Beispiel, wie leicht Exegeten auf der Suche nach franzosenfreundlichen Regungen fehl gehen können10.),14.), 29.), 52.)

In Aachen gab es nur 27 Klubisten in einer namensähnlichen Vereinigung wie in Mainz. Nach Ansicht der Aachener handelte es sich um - gelinde gesagt - unseriöse Personen.

Jede Mitbestimmung, jeder wirkliche demokratische Gedanke war mit dem Pariser Dekreten ausgeschlossen. Die konsequent durchgesetzten Vorgaben sind deutlich. Andere Auffassungen lassen sich mit den Fakten nicht vereinbaren, sind ideologisch ausgerichtet, sollen verschleiern. Gewalt, Entmündigung und Verfolgung bestimmten den Alltag der Bevölkerung (s. unten). Der frz. Nationalismus, den die Revolutionsarmeen nach Europa trugen, war keiner, der befreit, sondern ein erobernder. Im Innern rechtfertigten die Kriege alle Exzesse. Mit beiden sind die Despotismuskriterien erfüllt, d. h. unumschränkte Herrschaft (Prof. Pelzer in universallexikon academic Stichworte zu Revolutionskriege/Eroberung/Despotismus).

 Am 6. 11. 92 schlug Custine dem Pariser Konvent die Einverleibung der besetzten Gebiete vor (s.o. unter I. Eroberung Kurstaat). Als er bald nach der Eroberung „Selbstbestimmung“ in Aussicht stellte, fragt sich, inwiefern er als militärischer Befehlshaber überhaupt dazu legitimiert gewesen sein konnte. Spätestens die von Paris gegenüber den Generälen in den besetzten Gebieten befohlene Durchsetzung der Dezemberdekrete zeigt, dass allein der Nationalkonvent über solche politischen Fragen zu befinden hatte. Es ist nicht vorstellbar und recht lebensfremd, dass Custine bei einem entsprechenden Votum der Bevölkerung wieder brav abgezogen wäre und dem Kurfürst die Rückkehr ermöglicht hätte. Bei der ihm bekannten Abneigung der Mainzer hätte er mit einer Selbstbestimmung genau das riskiert. Dann hätte er nicht bis 8/93 auf die Guillotine warten müssen: Da verlor er seinen Kopf, weil er Mainz verloren hatte. Der beute- und ruhmsüchtige General würde die Mainzer Eroberung vor gründlicher Ausplünderung nicht aus der Hand gegeben haben. Für einen Haudegen seines Schlags waren die Belange des eroberten Volkes nachrangig. Allerdings wäre die Einverleibung gegen die Kriterien der frz. Verfassung ohnehin nicht möglich gewesen.

Bereits am 19. 11. zeigte er sein wahres Gesicht. Rücksichtslos setzte er sich über die Kapitulationsvereinbarungen hinweg. Die bisherige Verwaltung und Rechtspflege hörten auf, Finanzhoheit war genommen. Ab jetzt regierte die „Allgemeine Administration“. („Wolf im Schafspelz“ s. Quelle S. 14 in Franz. Ausweisungspolitik am Rhein v. E. Schreiber, Berlin 1929). Allgemeine Administration und Militärverwaltung wetteiferten mit der Ausbeutung zur Deckung ihrer Bedürfnisse, Nachschub gab es nicht, der Krieg hatte sich vom Krieg zu nähren.

Eine mögliche Entscheidung gegen die französischen Ziele durfte keinesfalls zugelassen werden. Es zählte allein der erhobene Machtanspruch und dessen Durchsetzung. Es ist widersinnig, Paris die eroberten Gebiete zu Füßen zu legen (s. oben) und gleichzeitig Selbstbestimmung anzubieten. Offensichtlich war die Ankündigung Custines als bloßes Sedativ zu verstehen. Die Ablehnung der Mainzer war ebenso offensichtlich.

Die Bürgerschaften von Mainz, Worms, Speyer, Frankfurt und Aachen lehnten die französische Verfassung deutlich ab mit der Begründung, sie seien mit ihrer alten Verfassung zufrieden und wünschten keine Veränderung. (Hansen Bd. II. S. 61/554/714). Das gleiche galt für die besetzten Völker Belgiens und der Niederlande, die entschieden die Versuche Frankreichs zu einer Inkorporation und neuer Verfassung ablehnten, auch wenn Ihnen schwerste Strafen drohten (Girtanner „Hist. Nachrichten und politische Betrachtungen...“ Berlin 1795 S. 65/ 74)

Der frz. Nationalismus, den die Revolutionsideen nach Europa trugen, war kein Nationalismus einer Nation, die befreit, sondern einer die erobert (universal-Lexikon.deacademic.com/291682/Revolutionskriege)

Im Gefolge der Revolution war es bei den Franzosen zu übersteigertem Nationalstolz und Fremdenhass gekommen. Die kriegerische Machtentfaltung und offensive Haltung gegenüber der Außenwelt verbunden mit Unterdrückung im Innern gilt als typisch für Despotismus (= unumschränkte Herrschaft)

(„Politischer Umbruch und gesellschaftliche Bewegung“, ausgewählte Aufsätze, Oldenbourg -Verlag 1997, insbes. S. 274)

Eine nach den genannten Dekreten etablierte „Rheinische Republik“ hatte sich für den Anschluss des Landes zwischen Landau und Bingen zu erklären. Von einer beabsichtigten und künftigen Republik war zwar die Rede, verkündet aber erst am 18. 3. 93. Nachdem die Einverleibung nach Frankreich am 30. 3. erfolgt war und am gleichen Tag sich der „Konvent“ mittels Beschluss aufgelöst hatte, gehörte diese „Republik“ und deren Begrifflichkeit der Vergangenheit an. Von „Republik“ für die komplette Zeit ab der französischen Eroberung mit Besatzungsstatut über Eingliederung nach Frankreich bis zur Kapitulation zu sprechen ist unzulässig, unwissenschaftlich, missverständlich und hat mit Fakten nichts zu tun.

Die französische Verfassung verbot direkte militärische Annexion. Zwang und Manipulation am Volk vorbei war erlaubt. Damit war der Machtanspruch der allein maßgebenden Franzosen in den besetzten Gebieten drastisch und unverhüllt präsent: Die Bevölkerung war lediglich zur Akklamation gedacht, gegen ihre wahren Interessen. 20.) v. 29.11. 92, Hansen Bd. II. S. 72/73.

„Ungeachtet der fraglichen Befugnis des abgebenden Teils hätte es sich in der Wirkung um einen Eingliederungsvertrag, ja eine Annexion gehandelt, mit dessen Vollzug einer der Vertragsschließenden seine rechtliche Selbständigkeit verliert und in dem anderen Partner aufgeht“(Frowein „Eingliederungsvertrag im Völkerrecht…“ , Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht……)

Massivste Manipulationen und Pressionen zur Erreichung des beabsichtigten Zieles über „Wahlen“ und damit fingierte „Republiken“ waren bereits zuvor auf deutschem Gebiet in Aachen und mit der „Raurakischen Republikerfolgt (s. VI.) Die nach Mainz angereisten französischen Kommissare (übergeordnete „Politkommissare“) gaben den Ton an, sie leisteten Vorarbeiten, die auf rasche Vereinigung einer noch zu schaffenden Mainzer Republik mit Frankreich zielten. Der am 1. 2. 93 in Mainz eingetroffene Kommissar Simon hat in seinem Bericht klar die übertragenen Aufgaben formuliert: „Munizipalisierung, einen Konvent einberufen und ihn ein Gesetz beschließen zu lassen, das die Vereinigung mit Frankreich bestimmt“ (s. II. „Zusammenfassung“).

Wie die Franzosen befahlen, bevormundeten und unterdrückten geht aus einer Flugschrift der Besatzer hervor, die auf rigorose Fremdbestimmung, ja völlige Unterwerfung hinauslief. 9.) Dumont a. a.a O. S. 590f

Die Kommissare besaßen den Auftrag, möglichst rasch alle Autoritäten zu beseitigen, die eine „Gegenrevolution“ vorbereiten könnten - wobei eine solche auch mangels befähigter Personen nicht zu befürchten war, jedenfalls konkrete Anzeichen fehlen, es sei denn, gelegentlicher handfester Unmut der Bauern soll darunter zählen. Es dürfte sich um einen Vorwand gehandelt haben um Eingriffe zu bemänteln. Rund 50 einheimische „Revolutionsanhänger“ (Klubisten) wurden als Subkommissare verpflichtet. Alle Aktionen im besetzten Gebiet hatten ausschließlich befohlenen Eid auf die französische Verfassung und Ausdehnung der französischen Grenze bis zum Rhein als Ziel. (Scheel a. a. O. Bd. II. S. 400/401) 69.)

Annexionen über manipulierte „Republikplebiszite“ in den besetzten Gebieten erfolgten von Nizza bis in die Niederlande, entsprachen den bis in unsere Zeit üblichen totalitären Vorgehensweisen. Von den fingierten und teils mit Gewalt errichteten „Pflanzrepubliken“, die fast routinemäßig einverleibt wurden, hat sich bisher nur Mainz eines Gedenkens befleißigt, für die hier mit 12 Tagen kürzeste hypothetische „Republik“, einige Tage mehr als Aachen und im Nachgang zur „Raurakischen Republik“. Die Mainzer wissen halt Bescheid...

Es versteht sich von selbst, dass die Besetzungen stets als „Befreiung“ deklariert wurden. Diese propagandistische Terminologie zur allzu dürftigen Rechtfertigung entlarvt sich von selbst. Im kurfürstlichen Mainz befand sich die Bevölkerung wohl, wollte die überkommenen Verhältnisse wahren. Da gab es nichts zu befreien, erst später, als die Menschen unter den Bedrückungen der Eroberer seufzten: Von denen wollte sie befreit werden! Die Zünfte haben das klar und eindeutig ausgedrückt: „Wir lebten sonst nicht als Sklaven, sondern in einer gewöhnten zufriedenen Ordnung. Unsere Abgaben waren gering, der Nahrungsstand blühend und wir durften, wo es unsere Sache betraf, mit Freymüthigkeit reden. In welchem Punkte wir durch die Franken glücklich geworden sein sollten fühlen wir auf keine Art“.  Bockenheimer S. 342ff, 6.), 9.), 10.), 12.), 14.), 16.), 52.), 65.)

Der eroberte Teil des Kurstaates und die darin lebenden Menschen waren wohlhabend Klar formuliertes Ziel der Besetzung war Ausplünderung oder - eleganter - Kompensation französischer Staatsschulden. Minister Cambon hat das bei der Begründung der Dezemberdekrete ungeschminkt formuliert: Die besetzten Gebiete hätten die Kosten Frankreichs zu sanieren (Dumont „Republik“ S.292/ 293)

Von feudaler Knechtschaft konnte keine Rede sein. Es wird gern übersehen, dass mit der Besetzung bisher unbekannte Bedrückungen wie direkte und indirekte Steuern, Kriegslasten, strengste Zensur und diktatorische Zwänge sowie entwertete Assignaten die Bevölkerung über Gebühr belasteten. Von den Franzosen wurden Fronarbeiten in erheblichen Umfang abgefordert, alle Fuhrwerke und Versorgungswege in den Dienst des Militärs gestellt usw. Das alles gab es vorher nicht. 4.) 85.)

Zu Verarmung, wirtschaftlichem Niedergang und Belastungen der Bevölkerung s. die differenzierten und ausführlichen Ausführungen in Scheel, 1. Bd. S. 519/520

Die zunächst mit großer Empörung verurteilten und bekämpften Fürstenstaaten waren bald wieder Vorbild: Napoleon konnte als Alleinherrscher auf Lebenszeit eine kaiserliche Dynastie gründen und wie zu Zeiten Ludwigs XIV. absolute Macht ausüben, bis in die kleinste Verwaltungseinheit durchregieren. Es herrschten Schrecken, Krieg und Elend. Die Menschen mussten unter den jeweiligen Vorstellungen der sich trotz aller Abkehr auf das Siegel der Revolution berufenden Machthaber leiden. Die Wiederkehr des monarchistischen, absoluten Systems hat im Wesentlichen dazu beigetragen, dass die „frz. Revolution in den Geschichtsverlauf eingeebnet wurde“ 83.)

Am 23. 7. 93 nahmen die verbündeten deutschen Truppen Mainz ein. Die vorherige Beschießung der Stadt richtete schwerste Zerstörungen an. Regelmäßig kamen von den Franzosen benutzte Gebäude ins Visier sowie zahlreiche Kirchen, die volkreichen Viertel blieben eher verschont (Die Wiedereroberung von Mainz 1793, Bockenheimer 1893). In Verbindung mit Schutzmaßnahmen erklärt sich, dass die Anzahl der bürgerlichen Todesopfer kaum über 20 betrug (Stauder: „Die Belagerung der Festung Mainz 1793“ in: festung-mainz.de)

 Nach Abzug der Besatzung wurde bei vielen abgebrannten Gebäuden als Ursache systematische Brandstiftung zum Vertuschen von Plünderungen französisch/klubistischer „Bösewichter“ festgestellt (Hansen Bd. II. S. 885/886). Recherchen haben ergeben, dass Silber aus Kirchen, Juwelen, kostbare Handschriften und Drucke gestohlen waren (s. Hansen Bd. II. S. 889/890).Noch unmittelbar vor Abzug der französischen Truppen trennten Klubisten die Gold- und Silberfäden von in der Administration aufbewahrten Ornamente und Paramente ab (s. Hoffmann „Mainzer Revolution“ Bl. 1024)

Die frz. Besetzung brachte den Verlust unersetzlicher Sach- und Kunstwerte sowie eine Umschichtung der Bevölkerungsstruktur: Die gebildeteren und leistungsfähigen Bürger waren ausgewandert, vertrieben. Der Mittelstand orientierte sich in das Reich. Nach 

Nach Custine solle jede Person auf der Stelle aufgeknüpft werden, die von Übergabe der Stadt spricht. Hierfür waren mehrere Galgen errichtet, von dem Mainzern als „Custines Freiheitsbäume“ bezeichnet und bald besudelt. Der nach dem Jahreswechsel mit großen Zeremonien errichtete Freiheitsbaum mußte zum Schutz vor Schmähungen der Bevölkerung ständig bewacht werden. Bald war ein Anschlag angeheftet:

 

Arbre de misére - Bonnet de Corsaire - Guerre de Brigands: - Avis aux honnetes Gens! 

Sinngemäße Übersetzung ohne Reim:

Baum des Elends - Mütze der Piraten - Krieg den Schurken: - Meinung der anständigen Leute!

 

Seit März 1793 hielt sich Custine außerhalb von Mainz auf. Die Kapitulation von der Stadtwurde in Paris übel vermerkt. Er wurde dort wegen des Verlustes von Mainz hingerichtet. 11.), 27.) 65.)

 

Im Jahr 1962 hat Rene Lauret sein Buch „Die Deutschen als Nachbarn“ vorgestellt mit dem Untertitel „Die Revision eines Geschichtsbildes“. Das mit mehreren Preisen ausgezeichnete Buch (u. a. Prix de l´Academie francaise) war seinerzeit eine Sensation. Der Autor räumte mit überkommenen Vorurteilen auf und wies nach, daß „die Geschichtslehrer seines Landes jahrhundertelang einem substanzlosen Hirngespinst nachgejagt sind, das sich nur aus Fälschungen, Böswilligkeit und Parteileidenschaft ernährte - dem Hirngespinst des deutschen Erbfeindes“. Über die angebliche deutsche Eroberungssucht schreibt er, dass Frankreich nicht aufhörte, widerrechtlich von seinem Nachbarn zu annektieren, die einzige deutsche Eroberung war 70/71 Elsass-Lothringen, aber nicht aus Machtgelüsten, sondern weil deutsche Fürsten den Beitritt zu Bismarcks Norddeutschen Befund davon abhängig machten, dass die jahrhundertelange Einfallpforte Straßburg ins Deutsche Reich geschlossen wird. Militarist mit seinen wiederholten Kriegsdrohungen und Feldzügen war Napoleon III.

Den australischen Historiker Clark mit seinen „Schlafwandlern“ hat Lauret vorausgeahnt, als er den WK I. nicht als deutsch-französische Auseinandersetzung, sondern als einen österreichisch-russischen Krieg sieht, in den die erstgenannten Staaten durch ihre Verbündeten hineingezogen worden sind und der Versailler Vertrag den Boden für einen neuen Krieg bereitete.

Pikanterweise sind die Ergebnisse des Buches von Lauret auch und gerade in Deutschland nicht geläufig. Ob das die „politische Korrektheit“ nicht zulässt? (s. „DER SPIEGEL“ 21/61), s. google mit weiterführenden Infos.

 

Zitate:

  • Die wahre Grenze Deutschlands ist nicht der Rhein, sondern die Elbe (Gabriel Hanotaux 1918, Historiker und ehemaliger frz. Minister)
  • Wir wollen ganz einfach – und ich freue mich sehr darüber – das linke Rheinufer für immer okkupieren (frz. Präsident Poincare 1922)

Man möge diese und viele ähnliche Zitate den von französischen und deutschen Bürgern praktizierten „Jumelages“ gegenüberstellen. Hans und Jean lassen sich durch gelegentliche politische und sonstige Irritationen in ihrem Weg zum gedeihlichen Miteinander nicht mehr verstellen.