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XIV. DDR-Rezeptionsgeschichte/Testamentsvollstreckung

 

Die Rezeptionsgeschichte der „Mainzer Republik“ erklärt von selbst deren politische Ausrichtung und Instrumentalisierung an den Fakten vorbei. Der Wille des Volkes spielte keine Rolle. Die Kriterien für eine Republik wurden einfach als erfüllt unterstellt, die Manipulation ist offensichtlich.

 

Nachdem bereits der Bauernkrieg von 1525 ideologisch durch die DDR vereinnahmt war, hatte in der 2. Hälfte des 20. Jh. der Ostberliner Historiker Scheel, Präsident der Historiker-Gesellschaft der DDR und ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, für Mainz 1792/93 eine demokratische bzw. marxistische Vorform der DDR nachzuweisen. Scheel hat in drei Bänden geliefert.

In den fast 200 Jahren vorher war von wirklichen demokratischen Strukturen in

der Besatzungszeit keine Rede. Pikant, dass eine ausgewiesene und eingesessene

Diktatur ohne eigene demokratische Erfahrungen darüber befinden wollte. Bemerkenswert das Verhältnis von W. Ulbricht als Staatsratvorsitzender der ehem. DDR zur Demokratie: „Es soll demokratisch aussehen, aber selbstverständlich müssen wir alles im Griff behalten“.

 

Das war für Sympathisanten ein „Urknall“.

Die Heunensäule, 1975 auf dem Marktplatz zur tausendjährigen Gründungsfeier des Domes errichtet, zeigt auf der 1980 angefügten Bronzemanschette Stationen der Mainzer Geschichte.

 

Foto: Heunensäule mit Aufschrift Freiheitsbaum

 

Dort ist auch die ohne Relevanz nach 12 Tagen erledigte „Mainzer Republik“ von 1793 dargestellt, mehr Platz einnehmend als die vergleichsweise wesentlich bescheideneren Symbole des tausendjährigen Erzbistums oder die mit der Herrscherkrone angedeutete ganz besondere Stellung der Stadt im Deutschen Reich. Der unbefangene Betrachter könnte zu der Auffassung gelangen, dass die „Republik“ als wichtigste Errungenschaft aus 2000 Jahren gesehen werden sollte.

Der seinerzeit für die Gestaltung der Säule verantwortliche Mainzer Kulturdezernent griff auf die DDR- Propaganda zurück. Gesamtveröffentlichungen hiesiger Forschungsergebnisse gab es noch nicht. In der DDR waren Medien und Verbände kontrolliert, Spitzel eingesetzt, Wohlverhalten erzwungen – bei völliger Abhängigkeit von der sowjetischen „Schutzmacht“. Analogien zur Diktatur 1792/93.

Wenn lokale Kennzeichen des Karneval wie die Narrenkappe als Beleg für jakobinische Grundstimmung in Mainz herangezogen werden, so ist das eine durch nichts gedeckte Umformung und Klitterung – aus ideologischen Gründen breit getreten.

Die im Karneval geläufige Narrenkappe ist seit dem Mittelalter und aus Sebastian Brants „Narrenschiff“ bekannt. Die gelegentlich zu hörende und aus weltanschaulich eingefärbter „Frankensehnsucht“ gespeiste Deutung der Kappe als Anklang an die Jakobinermütze ist grundlose Wunschvorstellung.

Foto: Phrygische Mütze mit „herauswachsender“ Kappe

 

Die „phrygische Mütze“ galt im Altertum nicht nur für das Volk der Phrygier, sondern darüber hinaus als Symbol der Freiheit, so auch bei den venezianischen Dogen.

Auf der Bronzemanschette um die Heunensäule sitzt eine in Sackleinenstruktur geformte phrygische Mütze, als Jakobinermütze gewünscht, aus der eine Narrenkappe wächst.

Diese Kappe ist nach und mit den Veränderungen im 19. Jh. immer als solche kenntlich gewesen. Form, Eselsohren, ragende und verkröpfte Spitzen, Buntheit und Schellen widerlegen nun jeden Anklang an Jakobinermützen aus der völlig zu Unrecht verklärten „Mainzer Klubistenzeit“ von 1792/93.

Für die Karnevalszeit in den 1840er Jahre ist zu jeder Kampagne eine neue Kappenform kreiert worden, unter „Modelle“ zu sehen – ohne jeden Mützenanklang.

 

Verschiedene Modelle von Narrenkappen

 

 

In der Narrhalla von 1841 ist ein Vortrag abgedruckt: „Was das Haupt eines Narren am besten zieret“. Hierbei ist der „Freiheitsmütze rot von Blut“, also der Jakobinermütze, eine klare Abfuhr erteilt worden. Ergebnis: Selbstverständlich kommt nur eine Narrenkappe in Frage, mit Eselsohren und Schellen.

Ob vielleicht die in Thüringen ab Mitte des 19. Jh. produzierten Gartenzwerge mit ihren Mützen jakobinerhafte Gesinnung verkörpern sollen - als verzwergte Jakobiner?

 

 

Scheels Widerpart im Westen war der Mainzer Historiker F. Dumont. Dessen Lebenswerk („Die Mainzer Republik“ v. 1982, 2. Auflage 1993) überzeugt nach wie vor in den wesentlichen Punkten durch Faktenwert und logische Schlussfolgerungen. Den behaupteten demokratischen Abläufen widerspricht er vehement. Sein Urteil zu den Pariser Dekreten von 12/92 und deren despotischer Umsetzung ist klar und unmissverständlich. Davon ist er nie abgerückt: Demokratische Abläufe (Mehrheitsentscheidungen des Volkes) waren weder denk- noch feststellbar. Die Bürger haben deutlich und einhellig Besatzer und Ziele abgelehnt.

In der 2. Auflage weist er in einem eigenen Abschnitt die „Doppelzüngigkeit“ der Besatzungsmacht und ihrer Helfer nach: Deren Handeln stand in offensichtlichem Widerspruch zu der permanenten Propaganda von Menschenrechten, Freiheit und Demokratie. Beabsichtigt war allein die Einverleibung der linksrheinischen Lande zur Kompensation französischer Lasten, die „Republik“ bloßes Vehikel hierfür.

Mit Scheel hatte er kontrovers diskutiert, lehnte dessen Auffassung ab. Sein fundiertes Werk gilt bis heute, auch wenn immer wieder versucht wird, an und in seinem Werk herum zu interpretieren - ohne das schwächen zu können.

Die durch Scheels Thesen auch im Westen ausgelösten Diskussionen zu Erfindung und Schlagwort der „ersten demokratischen Republik/Revolution auf deutschem Boden“ (so die erstmals in der DDR verwendete Formulierung) hat er selbst beendet. Nach der Wende gestand er – ohne Not und deshalb um so glaubwürdiger - die Zurichtung der DDR-Historiker auf die Bedürfnisse der SED und beklagte, in „besonderem Maß zur Magd der Politik herabgewürdigt worden zu sein“. Sein Werk ist danach obsolet, nur noch als Quellensammlung brauchbar. Alle darauf gründenden Schlüsse und Auslegungen sind danach Makulatur, vom „Urknall“ blieb nur noch Asche. Ein Phönix hieraus war und ist nicht zu erwarten.

Der Begriff “Mainzer Republik“ fand in Mainz Asyl. Es galt, die DDR-Schiene aufzuwärmen und nahtlos anzuschließen. Scheel wird verschwiegen. Mainzer „Mägde“ folgten der erledigten DDR-Propaganda, waren hilfreiche Testamentsvollstrecker.