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I.Vorgeschichte: Mainzer Kurstaat und Eroberung

Der Mainzer Kurstaat umfasste Gebiete links und rechts des Rheins bis ins Oberhessische und Erfurt. Im Folgenden geht es allein um das von Frankreich beanspruchte linksrheinische Gebiet.

Frankreich erklärte dem König von Böhmen und Ungarn, also dem Haus Habsburg, am 20. 4. 1792 einseitig Krieg. Kurz darauf marschierten französische Truppen in die österreichischen Niederlande. Österreich besaß mit Preußen einen Beistandsvertrag. Durch den französischen Angriff war der Bündnisfall eingetreten. Der Gegenangriff einige Monate später wurde von den Franzosen zurückgeschlagen. Kurmainz hatte den Koalitionstruppen ein Kontingent Soldaten zur Verfügung gestellt. 10.), 15.)

Ohne spezifizierte Kriegserklärung gegenüber dem Kurstaat zogen die Franzosen mit General Custine im Herbst von der Exklave Landau aus zum Rhein. Das war Pariser Befehl (Dumont Mzer Republik S. 56/98/99). Winterquartier durfte erst bezogen werden, wenn der Feind (die alliierten Streitkräfte) über den Rhein zurückgedrängt war (Hansen Bd. II. S. 42). Auf dem Weg dorthin überfiel Custine die freien Städte Worms und Speyer, marschierte nach Frankfurt, erpresste jeweils große Geldsummen (Dumont a. a. O. S. 60/64). Das war vagabundierende Wegelagerei zum Beuteerwerb, durch Kriegsrecht nicht gedeckt. Aber Frankreich lavierte am Bankrott. Das Land war bettelarm, hungerte. Die gründlichste Ausplünderung eingenommener Gebiete sollte Abhilfe schaffen (s. unten). An Mainz dachte Custine zunächst nicht.

Die Frankfurter gaben Custine Bescheid, als er mit seiner lügenhaften Propaganda von „Befreiung“ etc. wie in den anderen heimgesuchten Städten riesige Summen abforderte: Die Bedrückungen weiteten sich aus(Hansen Bd. II. S. 526/546 / s. „Das Rheinland und die frz. Herrschaft“ v. Hashagen 1908 S. 5).

Nachfolgend Bild des General Adam de Custine, anschließend Auszüge aus der Erklärung der Frankfurter Bürger (Bild aus “Mainz, die Geschichte der Stadt“, Zabern-Verlag, 1998, S. 324)

 

 

(vollständiger Abdruck s. „Die alten Franzosen in Deutschland...“ 1793 bei Kellermann S. 129 ff.)

Diese klaren Worte geben das Einverständnis mit einer gelebten und bewährten Verfassung zum Nutzen der gesamten Bevölkerung wieder. Im Kern und Ergebnis hätte das auch von den Mainzer Bürgern stammen können, die ebenso wie die Frankfurter mit den bisherigen Verhältnissen zufrieden waren und keine anderen wünschten.

Die militärischen Plünderungsgewohnheiten versperrten Custine den Blick auf das gedeihliche Miteinander unterschiedlich bemittelter Bürger. Er wollte es auch nicht wissen. Ihm ging es um Beute. Custine war ein aus dem ancient regime stammender General mit der  Kriegshandwerkern eigenen Mentalität. Er wusste sich Annehmlichkeiten zu verschaffen, residierte mit seiner Konkubine in kurfürstlichem Interieur.

„Bei der Rückeroberung Frankfurts scholl es von den Mauern: Tod dem Custine. Die hessische Colonne wurde von der Bevölkerung mit lautem Jubel empfangen. Tücher flatterten zum Willkomm aus den Fenstern, Damen umarmten gar den ersten besten Offizier“ („Geschichte der frz. Revolutionskriege v. 1792“ Cassel 1865 v. Renouard et al.) Das war symptomatisch für die Reaktion der Bevölkerung auf die Überfälle, ob Frankfurt, Mainz oder andere Orte: Die Franzosen wurden einhellig abgelehnt.

Nach persönlichen Recherchen, Spionage und aus Eigeninteresse suchten die späteren Klubisten Wedekind und Böhmer Custine auf („Narren“, s. unten) und überredeten den wiederholt zögernden General zum Marsch auf Mainz. Dort könne er leicht Beute und Kriegsruhm gewinnen. („Zeitalter der Revolution v. W. Wachsmuth“ 1847 S. 26/27 / Hansen Bd. II. S. 450).

Am 21. 10. 1792 wurde die entblößte und ausspionierte Stadt ohne Gegenwehr genommen. Den durch keinerlei Auftrag gedeckten „Hilferuf“ zweier Bürger aus Worms und Mainz bzw. vormals Straßburg zur „Befreiung“ von 25.000 Städtern sowie einer großen Zahl landsässiger Bevölkerung wollte nur Custine hören…Die beiden hatten auch nicht vergeblich auf persönlichen Zugewinn durch Custine gerechnet….(s. unten Narren)

 Es handelte sich um schlichte Okkupation zur Ausplünderung ohne jede ideologische Unterfütterung. Das sollte erst durch spätere Propaganda umgemünzt werden. Allein entscheidend ist aber die Haltung der Bevölkerung. Die wollte ihr bisheriges System bewahren, erkannte Plünderung und Unterdrückung der Besatzungsmacht, lehnte deren Ziele sowie damit verbundene Unwahrhaftigkeiten ab. Wenn von Befreiung die Rede sein soll: Die Bevölkerung wollte von den Franzosen und Kollaborateuren befreit werden...

Der Einmarsch bedeutete das Ende einer langen und friedvollen Zeit im Mainzer Land. Nun galoppierten die apokalyptischen Reiter in wechselnder Ausprägung bis 1814.

Die zerlumpten „Ohnehosen“ (Sansculotten – weil sie nicht die üblichen Kniebundhosen „Culotten“, sondern die langen Pantalons trugen) bildeten das Gros der französischen Armee, im Wesentlichen aus dem kaum eigene Einkünfte generierenden Lumpenproletariat gezogen. Der Staatshaushalt ließ Uniformierung und akzeptablen Sold nicht zu, Plünderungen sollten den Unterhalt sichern. Die „Kriegskleidung“ war beim gemeinen Mann höchst willkürlich, Beute notwendig. Damit und gegenüber den Nöten der Zivilgesellschaft unempfindlich ließ sich die Kampfeslust steigern, auch wenn Proviant auf dem Bajonett mitzutragen war.

 

Sansculotte - Bild aus: “ Mainz – Geschichte einer Stadt“, Zabern-Verlag, 1998, S. 322

 

Bereits unmittelbar nach der Eroberung bot Custine den eroberten linksrheinischen Kurstaat dem frz. Nationalkonvent zur Einverleibung an (s. 46 S. 26).  Von wirklichem Willen zur Selbstbestimmung somit keine Rede, das hätte auch dem Pariser Ziel widersprochen, wonach nur eine freiwillige Option der Bevölkerung als Willen zur Eingliederung erlaubt war. Darauf wurde denn hingearbeitet, zunächst in der Hoffnung einer freiwilligen Zustimmung. Nachdem die aber bald zerstoben war, setzten Manipulationen und Zwänge ein, um die Zustimmung der Bevölkerung vorgeben zu können. Diese hatte sich klar und mehrfach gegen die Franzosen positioniert. Deshalb griffen die Franzosen zu drastischen Mitteln, die in den Nationaldekreten von Mitte 12/92 ihren klaren Ausdruck fanden: Wer sich dem französischen Ziel widersetzt, galt als Feind und wurde so behandelt (s. Dekret v. 15. 12 .93, hier S.40/41). Zwänge mit negativsten Folgen blieben über die gesamte Besatzungszeit. Die tapferen Mainzer widersetzten sich passiv, hielten den Methoden und Pressionen der Besatzer und des von Custine eingesetzten, verachteten „Jakobinerklubs“ („Lumpenklub“ – s. Marita Gilli in Allemagne- politique et gouvernement 1740 -1806 v. 1983/google / Komm. Simon : „Lumpenklub“ full Text of Mayence 1792/93 Nr.6512) gegen alle Widerwärtigkeiten stand.

„Über die franzosenfeindliche Stimmung in Mainz ... ist nach den letzten gründlichen Untersuchungen kein Zweifel mehr möglich. Im Kurstaat konnten revolutionäre Losungen keine Nahrung finden, die Bevölkerung war mit Wohlstand und positiver Politik ihres Fürsten sehr zufrieden. Die Klubisten bemühten sich, die Franzosen über die wahre Stimmung des Volkes zu täuschen (s. „Das Rheinland und die frz. Herrschaft“ v. Hashagen 1908 S. 207ff m. w. N. / Bockenheimer „Klubisten“ S. 82 - 84). Die Ablehnung der Zünfte war ebenfalls eindeutig. Insgesamt gibt die vorliegende Dokumentation klare Auskunft (s. auch S. 25).

Wenn nach wenigen Wochen Umfragen auf dem Land zu einer Verfassung nach französischen Muster vom Dezember 1792 als erfolgreich beschrieben werden, so ist „übersehen“, dass von mindestens 240, wahrscheinlich aber 500 oder - je nach Gebietsbeanspruchung - an die 800 in Frage gekommenen Gemeinden des beanspruchten Gebietes nur 40 mit ganz unterschiedlichem, aber eher ablehnendem Ergebnis befragt wurden. Informationen hierzu gab es ausschließlich von den am Ergebnis interessierten Fragenden 7.) 9.) S 427,“Mainzer Klubisten“ von Bockenheimer S. 328ff. Es war inzwischen schon Gewohnheit geworden, weit in das pfälzische Gebiet auszugreifen (s. Forsters Aktionen in Grünstadt), Gedankenspiele zielten auf die Queich als Grenze der Einflussphäre

So kurze Zeit nach der Besetzung und ohne weitere Kenntnis der frz. Verfassung sowie deren praktische Auswirkungen ist das sehr magere Ergebnis ohne jede Relevanz. Wie sollte eine temporäre Momentaufnahme als repräsentativer Wille der überwiegenden Bevölkerung angesehen und prolongiert werden können? Die wenigen, anfänglich zustimmenden Bürger revidierten bald. Es verblieben nur einige, in das Militär bzw. in den „Klub“ eingebundene Personen. Die Besatzung mit der erdrückenden Präsenz von 20000 Soldaten und der für jeden offensichtlichen und unmittelbar erlebten Diskrepanz zwischen Postulaten und Wirklichkeit ließ keine Sympathie für die als heuchlerisch empfundenen Ideen zu. Die französischen Parteigänger - Klubisten - waren in der absoluten Minorität und nicht gelitten:

Custine: „Kaum hatte ich den Fuß nach Deutschland gesetzt so kamen alle Narren dieses Landes, sich bei mir einzufinden“ (s. Verhör Custine/ Wachsmuth in „Zeitalter der Revolution“ 1847 S. 46). Selbst die Bösewichter unter den Klubisten verdienen Mitleid, weil sie den Franzosen blos als Hanswürste gedient haben(Schlözer in Staatsanzeiger 69, 96, s. auch Wachsmuth a. a. O. S. 46)„..... der Klub hier taugt nichts …. Dieser Klub steht in größtem Misskredit und wenn man auf die Öffentlichkeit einwirken will dann muss man sich wohl hüten, den Klub dafür einzusetzen“. (Aus Paris nach Mainz beorderter Kommissar Simon in Scheel: „Die Mainzer Republik“, Dok. 12 S. 243 Bd. II)

Eine alte Weisheit: Der Verrat wird geliebt, der Verräter nicht. Nur konsequent, dass die Klubisten von der Kapitulation bei der Wiedereroberung durch die deutschen Truppen nicht erfasst waren (s. Abschnitt „Jakobinerklub“)

Es ging um die am Rhein gelegenen Gebiete von Landau bis Bingen. Mainz war militärisch unbedeutend, hatte aber Signalwirkung. Nur ein Teil der eroberten Lande gehörte zum Kurstaat, überwiegend handelte es sich um Kleinherrschaften, freie Städte und pfälzisches Gebiet. Custine plünderte gründlich (s. Dumont a. a. O. S. 123ff und 173ff).

Der Kurstaat war seit Jahrhunderten friedlich, Eroberungen lagen ihm fern. Seit dem - ebenfalls von Frankreich geführten – Pfälzischen Erbfolgekrieg 1688/89 mit Verwüstungen und Mordbrennereien von Heidelberg bis Mainz (über 1200 Städte und Dörfer wurden zerstört) befanden sich die Bürger der fürstbischöflichen Metropole im Frieden. Mit Krieg rechnete niemand, die Festungswerke waren vernachlässigt. Gräben und Wälle dienten gärtnerischem Anbau. Die „Armee“ verdiente diese Bezeichnung nicht, galt eher als Dekoration. Die wenigen tausend Mann - für den gesamten Kurstaat bis Erfurt - wurden von einem Dutzend Generäle befehligt. Das entspricht der karnevalistischen Mainzer Ranzengarde, in der es auch fast mehr Generäle als einfache Offiziere gibt. Insgesamt eine behagliche, recht auskömmliche Idylle für die Bevölkerung. („Geschichte des frz. Revolutionskrieges im Jahr 1792“ von Renouard 1865 S. 252). 88% der wehrfähigen Bevölkerung war freigestellt (s. Forster im Anblick des großen Rades v. Wutenow S. 83)

 

Auf der Bastei (Friedenszeit, gähnender Wachtposten), Kunsthalle Mannheim, Werksverzeichnis 789

          Carl Spitzweg: „Friede im Lande“

(Wache auf überwachsener Bastion, trocknende Wäsche und Vogelnistplatz in der Kanone)

 

Von 1792 an über die vertragliche Eingliederung zu Frankreich ab 1797 bis zum Ende der napoleonischen Ära 1814 waren Mainz und seine Umlande häufig von Krieg überzogen, Aushebungen für die imperialistischen Pläne Napoleons dörrten die Jahrgänge aus (v.1804-1814 in den linksrheinischen deutschen Landen 80.000 junge Männer!). Wirtschaftlicher Niedergang, Bedrückungen, Manipulationen, Einquartierungen, Ausbeutung, religiöse Knebelung und Besatzerwillkür kamen hinzu. Direkte und indirekte Steuern erhöhten die finanzielle Belastung der Bürger im Vergleich zum Kurstaat. Wertlose „Assignaten“ statt Münzgeld ruinierten das Währungsvertrauen und dienten der Abschöpfung. Mutwillige Zerstörungen kamen hinzu. Der nachhaltigen Aufforderung, Adels- und Kurwappen an Mainzer Gebäuden abzuschlagen, entzogen sich fast alle Bürger, camouflierten stattdessen 58.) Noch heute sind im Weichbild der Stadt Deformationen durch diesen Befehl zu sehen. Ausschreitungen der Franzosen, Zerstörungen und Plünderungen verbitterten die Bevölkerung. (Dumont in Mainzer Zeitschrift Jg. 75 S. 170).

Die Franzosen handelten und behandelten als Eroberer, sprachen mit „doppelter Zunge“ (s. hierzu Abschnitt in Dumont „Mainzer Republik S. 587 ff). Von Anfang an zeigte sich die Bevölkerung distanziert. Die Erinnerung an 1688/1689 wirkte nach. Schnell entwickelte sich tiefe Abneigung, gar Hass. Befreiung? Wovon? Kein Bedarf. Die Mainzer fühlten sich bisher wohl. Zum Leidwesen der Klubisten wollten sich trotz permanenter und intensiver Propaganda und Agitation weder revolutionäre Stimmung entfalten noch Einverständnis mit Zielen und Absichten der Besatzer erreichen. Beim Einmarsch der Franzosen verharrten die Bürger in dumpfem Schweigen und deutlicher Ablehnung. (Quelle: Dumont „Republik S. 76). Gegen Mittag wurde das Volk vor dem Rathaus zusammengerufen. Die Übergabe wurde von der Bevölkerung mit dem sichtbarsten Unwillen aufgenommen („Belagerung der Stadt Mainz durch die Franzosen...“ Mainz 1793 bei Johann Peter Fischer). Bei der Rückeroberung durch die deutschen Truppen zeigte die Bevölkerung Erleichterung, Jubel und Freude. 1.), 2.), 15.), 22.); 32.), 39.) 52.)

Es ist ein Gemeinplatz geworden, wonach „die Ideen der frz. Revolution in D. weit entfernt von den Bedürfnissen der Unterschichten waren“ (Herzog „Soziale Unruhen in Deutschland während der frz. Revolution“ S. 213 nach Untersuchung von zwei Dutzend Protestaktionen in Deutschland, in: Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 12, Göttingen 1988). Die Wirtschaft ging nieder. Die Franzosen wurden heftig abgelehnt (Dumont in Republik S. 261-263, 371).

Die Bürger waren abgestoßen von den entsetzlichen Gräueln der französischen Septembermassaker 1792, als Köpfe und Innereien bestialisch abgeschlachteter Menschen auf Piken umhergetragen, hochschwangere mit aufgeschlitztem Leib als Trog in Schweineställe geworfen wurden. Mit dem solches ermöglichenden System wollten sie nicht das Geringste zu tun haben („Geschichte der frz. Revolution“ v. Thiers, aus dem Französischen, 1844, S. 128ff, / „Die Franzosen am Rheinstrom“ 1794, v. Girtanner“ / Hansen Bd. II. S. 58). Hinzu kamen große Hungersnöte, Teuerung und Währungsverfall bei anhaltenden politischen Wirren. Gelobtes Land? Das hatten die Menschen im Kurstaat. Weshalb sollten sie die chaotischen und erbärmlichen Verhältnisse im Nachbarland herbeiwünschen? Mit den überkommenen Lebensverhältnissen waren sie sehr zufrieden. Die Mainzer hatten kein Interesse an den französischen „Segnungen“, das dortige Elend und der Meinungsterror waren offensichtlich (Dumont a. a. O. S. 241/247). Hinter Besatzung und Klubisten standen nur wenige, hinter den Sprechern der Bürger umso mehr (Dumont a. a. O. S. 330/331).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Un ami du peuple - Ein Freund des Volkes

 

„Die Mainzer werden sich nicht eher zur frz. Konstitution fügen, bis man die Köpfe einiger auf den Piken spazieren getragen hätte“ (klubistische Drohung, s.“Mainz im Genusse der durch die Franzosen errungenen Freiheit und Gleichheit“ books.google.com/books/about/Mainz 1793, S. 11)

 

 

Bei einer Umfrage in Mainz wegen Annahme der frz. Verfassung in Mainz vom Oktober 1792 - ohne dass die Befragten deren Anwendung und Auswirkungen kennen konnten - wollten das von den 94 Vertretern des Handelstandes nur 13 (s. „Das Rheinland und die frz. Herrschaft“ v. Hashagen 1908 S. 54). „Unsere Abgaben waren gering, der Nahrungsstand blühend und wir durften ...mit Freimütigkeit reden. In welchem Punkte wir durch die Franken glücklicher geworden wären fühlen wir auf keine Art (so die Zünfte gegenüber der Munizipalität im Februar 1793, s. Bockenheimer „Klubisten“ S. 342 ff)

Das ist ein durchgehendes Stimmungsbild, die Ablehnung zeigt sich auf mannigfaltige Weise bei der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung, von einer Zustimmung über den Anteil des zur „Wahl“ hin abnehmenden Klubistenkerns von höchstens 150 Personen kann keine Rede sein (s. Abschnitt III.Jakobinerklub).

Bei einer Befragung der Bevölkerung am 19. 11. 92 stimmten  klubistische Mitglieder für die Franzosen, die große Mehrheit der Bevölkerung lehnte ab (Hansen I. S. 61)

Die unmenschlich harten Bedingungen der Militärherrschaft führten zu einem schrecklichen Schrei der Entrüstung (s. Hashagen „Das Rheinland und die frz. Herrschaft“ v. 1908 S. 213 m. w. Nachweisen).

Mainz konnte als alternatives Zukunftsmodell gelten. Geistliche Staaten erfahren in unserer Zeit eine deutlich positivere Neubewertung. Insofern ist es notwendig, vorgefasste Meinungen zu revidieren (in „Geistliche Fürsten und geistliche Staaten in der Spätphase des Alten Reiches“, Academica Verlag 2008) Die letzten beiden Kurfürsten hatten ein umfassendes, aufgeklärtes Reformprogramm in Gang gesetzt, der Jesuitenorden war aufgehoben und mit dessen Vermögen ein Fond zur breiten Förderung der gegliederten schulischen Bildung einschließlich Armenschule etabliert. Die Mainzer Toleranzpolitik wurde sprichwörtlich, protestantische Geistliche predigten auch in katholischen Gotteshäusern. 1779 und 1782 erschienen die ersten deutsch-jüdischen Lehrbücher („Handbuch Bildungsgeschichte S. 176“). Mainz wurde als Hort der Freiheit und Individualität, der Kultur und Tugend gesehen, im kulturellen und politischen Bild führend (Hansen I. S. 478).

Ab Mitte des 18.Jh. florierte das Wirtschaftsleben, unternehmerische Innovationen wurden gefördert (Rommel, vom goldenen Mainz, 1969, S. 203)

Mittel zu Gründung und Unterhalt einer Maler– und Bildhauerakademie waren eingesetzt, 1757 etabliert. Die zählte damit zu den frühesten Gründungen im deutschsprachigen Raum.

(Publikation: „Zwischen Handwerk und Wissenschaft, Mainz 2005)

Durch Auflösung der drei reichsten Klöster wurde der heute noch aktive Fond zur Unterstützung der Universität gebildet (s. Stiftung Mainzer Universitätsfonds). Die Mainzer Universität gehörte mit Göttingen zur modernsten Universität im deutschen Reich mit etwa 60 Professoren und 600 Studierenden, an der auch Protestanten und Juden lehrten und promoviert wurden. Es gab insbesondere medizinisch erhebliche Fortschritte. Bekannteste Personen waren die europaweit berühmten Professoren Leibniz (-1672) und Sömmering. Letzterer erlebte noch die „fürchterliche Anarchie“ und Mainz in einem „kläglichen Zustand“ (Ärzteblatt RLP 45 Jg. 1992 Nr. 11/aus 93 S. 108)

Mit den Franzosen starb die Universität. Deren eigens für die Professoren errichteten Häuser waren für die damalige Zeit vorbildlich, sind es auch noch nach heutigen Geschmack. Goethe hat bei seinem Besuch 1792 das „akademische Musterquartier“ mit großer Anerkennung referiert (s. Mathy in regionalgeschichte.net Bd. 45 in der Reihe Geschichtliche Landeskunde).  12.), 68.), 72.),

Das dort applizierte Porträtbild Forsters ist insofern fehl am Platz, als er mit seiner Unterstützung der Eroberer am Untergang der Universität mitwirkte. Würdigenswerte universitäre Leistungen von ihm als Leiter der Bibliothek sind nicht überliefert, seine Schaffenskraft galt ganz überwiegend eigenen Interessen. „Binnen 6 Jahren hat er nicht einmal den Anfang zu dem ihm aufgegebenen Verzeichnis der Bücher gemacht“ („Die alten Franzosen in Deutschland...“ v. 1793 bei G. Kellermann S. 346/347, s. Abschnitt Forster)

Bereits 1784 wurde den Juden volle religiöse und wirtschaftliche Toleranz gewährt, den jüdischen Kindern das Recht zum Besuch christlicher Schulen. (s. Quellen Hansen, Band I. S. 87) Napoleon hat zwar 1808 tiefer in die gleiche Kerbe geschlagen, aber noch im gleichen Jahr mit dem „Decrete infame“ Erleichterungen wieder rückgängig gemacht (Judenemanzipation und Antisemitismus im 19. Jh. v. T Jaecker, 3/2002 m. w. N.)

Bis zu 250 der in den 1790er Jahren im Deutschen Reich erschienenen Zeitungen hatten eine Gesamtauflage von etwa 300000 Exemplaren und erreichten sicher drei Millionen Personen. So konnten sich die Bürger breit informieren. Der hohe Alphabetisierungsgrad ermöglichte das (s. „Deutsche Tagespresse im 19. und 20. Jh.“ v. K. Dussel, LIT-Verlag Berlin, 2011). Im revolutionären Frankreich konnte von solchem Angebot und Alphabetisierung keine Rede sein, da gab es nur gelenkte Presse und geringe Alphabetisierung.

Toleranz, liberale Auffassung, Prosperität und die vielfältigsten Kulturleistungen gaben revolutionären Gedanken keinen Raum, zeigten sich auch im Blühen der etwa 600 Lesegesellschaften im Deutschen Reich. Leihbibliotheken kamen hinzu. Die Mainzer „Gelehrte Lesegesellschaft“, in der zahlreiche Gazetten gehalten wurden, war von bis zu 160 Mitgliedern frequentiert. Ein großer Teil betraf dort die verschiedensten französischsprachigen Zeitungen. Unterschiedlichste, auch „demokratische“ Publikationen waren zugänglich, gar mit Abonnement direkt aus Paris (“Frankophone Zeitungen an der deutschen Westgrenze“ S. 157 in: Kulturtransfer im Epochenumbruch, Deutsch-Französische Kulturbibl. Band 9.1). Das Angebot lässt sich für 1790 quantifizieren: 24 politische Zeitungen, 23 gelehrte Zeitungen und 41 andere periodische Schriften. Diese Bildung wurde weiter gepflegt, um 1800 existierten im rechtsrheinischen Deutschland 50 Institutionen für höhere Bildung, in Frankreich nur 22 (Fehrenbach in“ Vom Ancient Regime zum Wiener Kongreß“ S. 52)

Wie sich für den flüssigen Brief- und damit Zeitungsverkehr auch die Lesegesellschaft zu Mainz einsetzte und das auch konnte, zeigt das Regierungsarchiv (Archivaliensignatur: StAWü, Mainzer Regierungsarchiv 7117).

Das war Makulatur ab der frz. Besetzung, da waren nur noch „ideologisch korrekte“ Publikationen zugelassen. Damit war Presse- und Meinungsfreiheit erledigt.

Gelegentlich ist von einem frühen Selbstbestimmungsangebot Custines im eroberten Mainz die Rede. Es ist aber lebensfremd anzunehmen, dass die Franzosen bei einem von Custine der Bevölkerung angeblich eingeräumten und für die Besatzer mit Sicherheit negativ ausgehenden Votum Mainz geräumt hätten und brav nach Landau zurückgekehrt wären. Das hätte dem General wesentlich früher und nicht erst im August 1793 die Guillotine beschert. In solchen Fällen hatte der Pariser Konvent keinen Humor. Custine wusste das nur zu gut, ein entsprechendes angebliches Angebot konnte deshalb nur bloße Finte sein – zumal er „seine“ Eroberung vorher Paris zur Verfügung angeboten, er aber ohnehin nicht zu entscheiden hatte.

Custine beabsichtigte die Ausplünderung des ungeschützten deutschen Landes (Speyer, Worms, Mainz, Frankfurt und weiterer Gebiete). Er hat diese Unternehmungen als Raubzüge bezeichnet. „…mein Plan war, das Land zu brandschatzen, auszufouragieren, zu verbrennen und zu verwüsten und nach Frankreich durch die Pfalz zurück zu kehren“ (Bockenheimer in „Die Wiedereroberung  von Mainz“ S. 3/4). So viel zu Custine als gern  reklamierten „Freiheitsbringer“… derartige skrupellose  und lügnerische Methoden haben sich z. B. 1968 in Prag wiederholt, als russische Panzer den Freiheitsschrei des tschechischen Volkes niederwalzten. So auch 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn…

In Mainz und seinen Umlanden gab es keine revolutionäre Situation oder Neigung hierzu, dafür frz. Ausbeutung in völligem Widerspruch zu der heftigen Propaganda. Ausbeutung bis hin zum offenen Raub, ein Klima der Angst und Furcht vor Misshandlung machte sich breit. Die wahrheitswidrigen Agitationen und Bedrückungen durch Militär und Klubisten gehörten zu den verwerflichsten Zwangshandlungen. Das Militär quälte und preßte dem Landvolk deren kärgliche Habe ab (Hansen, Bd. II. S. 68 ff und 615, 628, Dumont „Republik“ S. 146/241/263/267/279, 20.) v. 26.10. 1792 26.) 49.)

Nach den realen Machtverhältnissen betrachtete und behandelte das französische Militär Mainz als ganz eroberte und besetzte Stadt. Französische Interessen hatten absoluten Vorrang (Dumont in Mainzer Zeitschrift 75, 1980 S. 162 ff. / Kommissar Simon s. u.

Bald nach Einmarsch begann das wüste Treiben Custines und seiner Soldaten (s. A. Chuquets in „Mayence“, S. 78ff.)

Der Ton der Besatzer war eindeutig: Drohungen, rücksichtslose Befehle, die absolute Unterwerfung war gefordert. Die Rheingrenze war Selbstverständlichkeit. Insofern konnte es auch keine wirkliche Einverleibungsdebatte geben, das Ergebnis war vorbestimmt, spätestens nach den Dekreten v. 12/92 und von den allmächtigen Kommissaren gefordert

(Dumont in „Mzer Republik“ v. 1993 S. 590, 600ff)

Die Dekrete des Pariser Nationalkonvents vom Dezember 1792 sollten gegen den Willen der Bevölkerung auch die besetzten Gebiete von Nizza bis zu den Niederlanden nach Frankreich eingliedern, wegen des Annexionsverbotes im Rahmen eines - nötigenfalls gelenkten - Plebiszits. Die jeweils aus Paris angereisten Kommissare bestimmten alle Abläufe.

Die Staatstheoretiker haben erkannt, dass dem Kleinstaat als Hort der Individualität, Freiheit, der Kultur und Tugend der Vorzug zu geben sei. Die wenigen Soldaten konnten keine solchen Werkzeuge des Despotismus sein wie Mächte mit großen Armeen. Tatsächlich hat die Entwicklung der deutschen Kleinstaaten diese Auffassung bestätigt, Mainz ist hierfür Paradebeispiel. Die Menschen im partikularistischen Deutschen Reich definierten ihr Vaterland zunächst über die gemeinsame Muttersprache, sahen aber ihre unmittelbare Heimat in dem jeweiligen Herrschaftsbereich. Im 18. Jh. fand in Deutschland eine neue Blüte in Wissenschaft und Dichtkunst statt, förderte so das nationale Gemeingefühl (s. Quellen Hansen Bd. I. S. 479, 480)

Die heute noch beeindruckenden Bauwerke der Kurfürsten zeigen, dass dort Macht und Kultur im wechselseitigen Zusammenhang standen (Dehio „Geschichte der Deutschen Kunst“, 1923, S. 3). Der sozialkritische Philosoph Ernst Bloch hat die architektonischen Wunderwerke des Barocks als Bündnis von Macht und Kunst und ihre sinnlich/übersinnliche Schönheit gerühmt. (Mainzer Kurfürsten - ein Beitrag zur Mainzer Kulturgeschichte, Weber, 1983, S. 11). Die Mainzer waren auf ihre Stadt als „heimliche Reichshauptstadt“ stolz, ihr Glanz reflektierte auf die Bürger, die ihr über die Zeiten anhingen.

In den Werken der Schriftsteller Gryphius und Grimmelshausen aus dem 17. Jh. wurde ganz selbstverständlich vom Deutschen Reich als Vaterland gesprochen.

Zur Ausplünderung des Mainzer Landes: 

„Das Mainzer Land ist von größter Schönheit und Fruchtbarkeit. Nicht nur der gesamte Unterhalt für die Armee und die immensen Vorräte in den Lagern stammen von dort, sondern man hat noch beachtliche Zahlungen als Korn leisten können nach Landau, Wissembourg und Haguenau“ - aus der abgepressten Beute“.

Bezeichnend ist, dass der in Mainz agierende Kommissar Simon in seinem Bericht an den Pariser Minister offen davon spricht, die Neutralität gegenüber der Pfalz aufzugeben, um von dort pfälzische Städte und Dörfer zu vereinen und das Departement somit abrunden zu können. Diese offenen Worte zeigen klar, wohin die Reise gehen soll – nach Frankreich!

(Nationalkommissar Simon in seinem Bericht nach Paris v. 9. 3. 1793, s. Scheel Bd. II, S. 402 ff - zur Ausplünderung Klein S. 141f)

So halfen die Erträgnisse aus dem Kurstaat mit seinen bereits kurz nach der Besetzung beschlagnahmten Vorräten der hungernden französischen Bevölkerung. Wenige Tage nach dem Einmarsch wurden die Plünderungsmengen bereits spezifiziert (s. Karl Klein „Die Geschichte von Mainz“ S. 141ff). Es war offensichtlich, wo der Bauer zufrieden sein konnte. „Grundherren und Zehntpflichtige befanden sich ganz wohl. Geldsteuern gab es nur wenige und der Zehnte war...auf den 13. oder 14. Teil des Rohertrags niedergehalten... Die (späteren) Rheinhessen waren in jener... Zeit ein glückliches Völkchen“ („Rheinhessische Volkskunde“ v. W. Hoffmann, 1932, S. 209). 

Der aus dem ständigen Umgang mit Goethe bekannte Schweizer Lavater hat am 21. 10. 93 geschrieben: „Alle Könige der Erde zusammen gaben nie so viele Beispiele des abscheulichen Despotismus wie in Frankreich seit 3 Jahren“ (Briefe aus der frz. Revolution, Bd. 2 ,1985 Seite 129ff)

Bei der Einziehung der viel zu hoch gesetzten Kontributionen aus dem Land durch die Besatzer wurde genommen ohne zu quittieren, willkürlich ohne Vollmacht besteuert, Geschenke erhalten oder die erpressten Getreidelieferungen auf der Stelle für bares Geld verkauft. Die Ausplünderung des Landes ging mit zunehmenden Fron- und Schanzarbeiten einher („Forster: ein Leben in Scherben“ , von U. Enzensberger, a. a. Ort S. 244/Scheel „Republik“ Bd. I. S. 519ff). Das machte die Franken äußerst widerwärtig (Scheel Bd.II. S. 518ff). Für die Schanzen bei Kastel wurden viele Tausend Obstbäume ausgehauen und Felder verwüstet, die Bauern um den Lohn ihrer Arbeit gebracht, 2000 Personen zum Frondienst gezwungen, den sie bisher nicht kannten.

Wenn Schanzen zu errichten waren so wurde nicht gesäumt, das prächtige Schloss „Favorite“ mit den berühmten Gartenanlagen dem Boden gleich zu machen („Die Belagerung der Stadt Mainz“ bei J. P. Fischer, 1793, S. 152).

Ein zeitgenössischer Bericht – s. Anlage - dokumentiert die Folgen der „Befreiung“ für die Bürger (Quelle: „Die Belagerung der Stadt Mainz durch die Franzosen....“ Mainz 1793 bei Johann Peter Fischer) einschließlich der Weiterungen für das genötigte Volk:

 

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Der gerne als „revolutionärer Bauerndichter“ reklamierte Isaak Maus aus Badenheim hat unter dem Eindruck der Plünderungen und Gesinnungszwänge rasch abgeschworen, wollte mit diesem System nichts mehr zu tun haben. Poetisch hat er mit einem Gedicht aus 1793

(s. „Gedichte des rheinhessischen Bauern Isaak Maus“- Anmerkung: Rheinhessen gibt es erst ab 1816 - ausgewählt und eingeleitet v. R. Siegert) mit deutlichen Worten und 1794 mit einer Apologie zu dem von den Bürgern durch die Franzosen erzwungenen „Freiheitseid“ in Prosa mit diesen Machenschaften abgerechnet. Die „freien Wöllsteiner“ als nahezu einzige franzosenfreundliche Referenz haben eigentlich nur mit ihrem Lied überlebt, das ihnen bezeichnenderweise von einem Mainzer Klubisten geschrieben wurde. Auch wenn jede Regung mehrfach im französischen Sinn bedeutelt wird: Die Bevölkerung lehnte die Franzosen mit ihrem Programm, den Knechtungen und Wegnahmen einheitlich ab.

Den Bauern brachten die Franzosen nur Lasten (Hansen II. Bd. S. 599), die gingen  mit Gewalt gegen die Besatzer vor (Hansen Bd.II. S.761). Soldaten plünderten nachhaltig, schändeten religiöse Symbole (Hansen Bd. II. S. 628)

Paris befahl Custine, „Kostbarkeiten aus dem Besitz des Gegners in die eigene Hand zu überführen“ (Hansen, Bd. 2. S. 62). Das wurde unter Napoleon exzessiv fortgesetzt und hat denn auch Kunsträuber Göring im 2. WK getan. Mainz wurde gründlichst von den bedeutendsten Kunstwerken „befreit“ und mit anderweitig erbeuteten „Schinken“ versehen, diese 200 Jahre später als Sammlungsgrundstock gefeiert: Offensichtlich war völlig aus dem Blickwinkel geraten, welches Missverhältnis der Almosen zu den Räubereien besteht.

Kommissar Simons Wortwahl - in seinem Bericht v. 9. 3., s. o zu Ausplünderung. - ist verräterisch und weder mit revolutionären Postulaten noch der Menschenwürde zu vereinbaren, wenn Andersdenkende als infizierte Schädlinge bezeichnet werden. Da liegt das „Ausmerzen“ nahe. Und so kam es ja auch im französische „Terreur“ ab Mitte 1793.

Das schulische Bildungsergebnis war im Vergleich zum übrigen Europa weit überdurchschnittlich. Die intensiv betriebene Volksaufklärung befand sich auf ihrem Höhepunkt. Das kam den französischen Besetzern zugute, die so ihre weitschweifigen Publikationen und seitenlangen Instruktionen verbreiten konnten. Selbst einfache Handwerker waren in der Lage, flüssig zu lesen und sich schriftlich auszudrücken - auch in französischer Sprache. (s. Jean Moritz „Ein Mainzer in Napoleons Diensten, Bonewitz-Verlag Mainz). Schulen lehrten Französisch als Sprache der Gebildeten, die Welschnonnen hielten so ihren kompletten Unterricht. Forster sah 1792 gegenüber Custine mit seinem geschliffenen Französisch auf die in dieser Sprache derb parlierenden Mainzer herab. Französische Begriffe fanden sich im Alltag häufiger als heute die englischen. Die im Mainzer Wortschatz verbliebenen Wörter haben mit den Besatzungszeiten nichts zu tun. Die Sprachwissenschaft hat das klar belegt (s.Frankreich am Rhein - Spuren der Franzosenzeit im Westen Deutschlands, Hg. Theis/Wilhelm 2008).

Mit den geringen Abgaben im Kurstaat gelang es, erhebliche Überschüsse zu erwirtschaften. Wegen der vielen kirchlichen Feiertage arbeiteten die Katholiken ein Drittel des Jahres nicht, bis eine „Feiertagsreform“ erfolgte (Katholische Aufklärung? Reformpolitik in Kurmainz unter Kurfürst-Erzbischof Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim 1763-1774, Weber, 2013)

Ab 1770 gab es eine geistige Verbindung über die deutschen Gebiete, angeregt durch die neue Blüte Deutschlands in Wissenschaft und Dichtkunst zu einem nationalen Gemeingefühl. Die Mainzer Kurfürsten sorgten dafür, dass der dem Klerus zugeflossene Besitz („sogenannte tote Hand“) umgehend wieder der „Marktwirtschaft“, d. h. dem freien Verkehr zugeführt wurde (Geschichte der Stadt Mainz S. 302)

In den Mainzer Straßen waren Adelshöfe mit Wohnungen der Bürger und einfacher Handwerker benachbart, es herrschte ein gedeihliches Miteinander ohne soziale Spannungen (Dumont „Festschrift 700 Jahre Alzey“). Mainz war eine friedliche Stadt. Die städtische Gesellschaft lebte in einer fruchtbringenden Symbiose. Von den Lebensbedingungen für die Gesamtgesellschaft war sie der französischen Wirklichkeit weit überlegen. Das dortige und offensichtlich dysfunktionale System mit den angeblichen Segnungen wurde durch Unterdrückung und Verbrechen der Besatzung im Kurstaat offenbar. Die Bevölkerung sah und erlebte das mehr als deutlich. In Mengen darbende und hungernde Menschen im politischen Chaos Frankreichs, die Geldentwertung infolge Assignatenwirtschaft und doppelt so hohe Armenquote wie im Vergleich zum Kurstaat als Indizien eines überlegenen Gesellschaftsmodells beim Nachbarn? Insgesamt waren die frz. Abgaben 10-fach höher als im Kurstaat (Dotzauer: „Der hist. Raum des Bundeslandes RPL v. 1500 -1815“ S. 344/345) Wer sollte/wollte danach für das französische System votieren...?

Während die 35% der verarmten frz. Bevölkerung auf mehr oder weniger zufällige Alimentation bzw. Almosen angewiesen war, hatte die kurfürstliche „Armenfabrik“ wegweisende Bedeutung. In strukturierter Form und entsprechenden Einrichtungen gewannen die Menschen Fähigkeiten, die ihnen Erwerb über neue Fertigkeiten ermöglichten.

Schlächtereien wie bei den Septembermassakern 1792 widerten die Bevölkerung an. Von Anfang an wollte die sich ihre angenehmen Lebensverhältnisse bewahren, lehnte die französischen Absichten und deren Protagonisten rundweg ab. Die Abstimmungsergebnisse von Februar 1793 zeigen das überdeutlich: Eine schallende Ohrfeige für die Besatzer (s. auch Abschnitt „Wahl“). Spätestens danach verbieten sich alle demokratischen Spekulationen, würden nur noch zur Lächerlichkeit gereichen.

Retrospektiv gilt der geistliche Staat als „zukunftsfähiges alternatives Ordnungsmodell“ der Gesellschaft. Die rechtlichen und organisatorischen Institutionen waren durchgeformt und auf dem Weg zur Moderne, der Bürger konnte „sein Recht“ durchsetzen. Von Fürstenwillkür, Knebelung und Ausbeutung der Bauern kann nach der Quellenlage keine Rede sein, es herrschte Prosperität. Die Bevölkerung widersetzte sich den von Besatzung und deren Helfern ausgehenden Veränderungen. Vor 1792 befand sich Mainz in einer kulturellen Hochblüte (s. Dumont „Republik“ S. 656). Das hängt auch mit der Fülle in Wissenschaft und Dichtkunst zusammen: In diesem „goldenen Zeitalter, wo Deutschland den allgemeinen Flor des Genies über die Welt verbreitete“, wurde bereits 1784 die Nation definiert (Hansen Bd. II. S. 65)

Und auch hier wieder Forster, der in seinem schwankenden Urteil unzuverlässig und gegenüber nur wenig späteren Äußerungen willkürlich und unglaubhaft ist: „Hier sind die Fürsten keine Tyrannen, sondern die gottgewollten Führer des ... Volkes. Kein Land rühmt sich so vieler guter Fürsten als gegenwärtig (1790) unser Vaterland. Man fordert keine Beweise von einer Behauptung, von der ganz Deutschland überzeugt ist“ (s. „Das Rheinland und die frz. Herrschaft“ v. Hashagen 1908 S. 361/s.Abschnitt Forster).

Eins von vielen Beispielen für Forsters Opportunismus und Fragwürdigkeit seiner Äußerungen. Die werden gern passend verwendet, entbehren aber nicht nur nach diesem Beispiel aller Seriosität, gleich in welche weltanschauliche Richtung (s. Abschnitt Forster)

Der spätere Journalist und Schriftsteller Weitzel hat die Situation im Mainz des Jahres 1790 zutreffend beschrieben: „Dem Bürger war es leicht, sich und die Seinigen ohne besondere Anstrengung zu nähren...Überdies war die Stadt von vielen Lasten frei, die auf dem Land lagen und die Einwohner durften sich wahrlich nicht über Druck beschweren (Dumont „Mainzer Republik“ S. 50)

Weitzel wandte sich mit Ekel von der frz. Ordnung ab. Das wüste Treiben der Klubisten brachte ihn wie andere zur Einsicht (Beilage zur AZ Nr. 68/69 von 1837 S. 270)

Zu dem gern als vorrevolutionäre Aktion gedeuteten „Knotenaufstand“ im Jahr 1790 bemerkte Forster:

„Die Geschichte unseres Aufruhrs (Anmerkung von ihm: Eine elende Balgerei zwischen Handwerkern und Studenten bei der damals beginnenden Revolutionsfurcht, eine lächerliche Wichtigkeit im anstoßenden Deutschland gegeben ward) ist sehr verunstaltet worden. Es war ein bloßes Possenspiel…

(an seinen Vater v. 18. 9. 1790 in: „Briefe Forsters“, hg. von seiner Exfrau, verh. Huber)

„Unter Fürstenhut und Krummstab ließ es sich gut leben“. Das änderte sich in allen Belangen zum Schlechten in den Zeiten französischer Herrschaft, die Stadt fiel in Agonie, wurde zertrümmert. Die Bürger mussten diktatorische Unterdrückungen, Terror, Bevormundung, strengste Zensur, ungleich höhere Abgaben und die Belastungen massenhafter Einquartierungen ertragen. Die Straßen und Häuser wurden Kloaken, verursachten eine Ruhrepidemie, rund 800 Zivilisten starben. Hinzu kamen Enteignungen und Deportationen von vielen Tausenden.

4.), 7.), 22.), 24.), 26.), 35.), 43.), 63.) 68.) 77.)

Selbst Forster musste im Nachhinein aus Frankreich feststellen: „Deutschlands Lage, der Charakter seiner Einwohner, der Grad und die Eigentümlichkeit ihrer Bildung, die Mischung der Verfassungen und Gesetzgebungen, kurz ihre physischen, sittlichen und politischen Verhältnisse, haben ihm eine langsame, stufenweise Vervollkommnung und Reife vorbehalten. Es soll durch die Fehler und Leiden seiner Nachbarn klug werden und vielleicht von oben eine Freiheit allmählich nachgelassen bekommen, die andere von unten gewaltsam und auf einmal an sich reißen müssen.“

(s. Abschnitt Forster)

Der Grund war bereits im 16. Jh. gelegt. Bei seinen Reisen durch Deutschland stellte Montaigne fest, dass das von ihm bereiste Gebiet wohlhabender, weiter entwickelt, fortschrittlicher und gar kulinarisch vielfältiger als Frankreich war. (Michel de Montaigne: Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002, ISBN 9783821807256)

Beendet wurde diese Entwicklung durch die ultimative Katastrophe des 30-jährigen Krieges, der über ein Drittel der deutschen Bevölkerung das Leben kostete und alle Strukturen zerstörte. Hierbei tat sich Frankreich nicht nur mit nachhaltigen Plünderungen, sondern auch Annexionen deutscher Gebiete hervor (Toul, Metz, später Straßburg).

Einige Jahrzehnte später initiierten die Franzosen den sogenannten Pfälzischen Erbfolgekrieg und verwüsteten die Gebiete von Heidelberg und Mainz gründlichst.

Erst langsam erholte sich das Land. Anfang des 18. Jh. zeigte sich eine in den jeweiligen Staaten des Reiches unterschiedliche, aber grundsätzliche positive Entwicklung, die im Mainzer Kurstaat zu der damaligen Höhe führte.

Die Engländer Edmund Burke und William Godwin, beide Sozial- bzw. Staatsphilosophen, kamen in ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der französischen Revolution zu dem Ergebnis, dass eine langsame Reife jedem Umsturz vorzuziehen sei. Möglicherweise hatte Forster mit seinen englischen Verbindungen entsprechenden Kontakt, die Schriften kannte er sicher. In „Hermann und Dorothea“ hat Goethe sich diese Auffassung zu Eigen gemacht und weiter begründet.

Wie sehr Forster sich in Mainz und mit seinen dortigen Aktivitäten geirrt hatte, konnte er wohl erst mit der Distanz aus dem revolutionären Paris mit den Greueln des aus der Vernunftideologie gespeisten „Terreur“ ganz erfassen:

„Die Herrschaft oder besser die Tyrannei der Vernunft (redaktionelle Anmerkung: Robespierre?), vielleicht die eifrigste von allen, steht der Welt noch bevor. Feuer und Wasser sind nichts gegen das Übel, welches die Welt ohne Gefühl stiften wird.“ 55.)

Franzosen, Klubisten und letztlich auch Forster gegen seine - verspätete - Einsicht haben den im Kurstaat positiv begonnenen und für die Mainzer Lande angemessenen Weg aus machtpolitischen Gründen in Leid, Elend und Zerstörung enden lassen. Die Erfahrungen der Bürger haben den propagandistisch ausgeschlachteten und ins Gegenteil verkehrten Republik- und Demokratiebegriff für Generationen stigmatisiert. Ähnliche realitätswidrige Agitationen sind in allen Diktaturen des 20. Jh. zu besichtigen. Lenin hat die bereits von Franzosen und Klubisten sowie den aktuellen Lokalmatadoren gepflegte Agitation mit seiner „Revolutionären Phrase“ auf den Punkt gebracht:

„Die revolutionäre Phrase besteht in der Wiederholung revolutionärer Losungen ohne Berücksichtigung der objektiven Umstände bei der jeweiligen Wende der Ereignisse und beim gegebenen Stand der Dinge, wie sie gerade zu verzeichnen sind. Wunderbare, hinreißende, berauschende Losungen, denen der reale Boden fehlt – das ist das Wesen der revolutionären Phrase.“   82.)

So wie Forster mit zunehmenden Zweifeln ging es anderen deutschen Intellektuellen, die zunächst begeistert von der Französischen Revolution waren, mit zunehmender Kenntnis von deren Auswirkungen und Missbräuchen aber deutlich abrückten, vom Henker- und Sklavenstaat sprachen (Hansen Bd. II. S. 708/709/753).

Niemand hat die Franzosen zur Hilfe gerufen, die überwältigende Mehrheit lehnte sie, deren Ziele und Helfershelfer ab (Hansen Bd. II. S. 60). Bewaffnete Missionare mit Bajonetten und primären Eigeninteressen sind nicht glaubwürdig, die Bevölkerung war an solcher Missionierung nicht interessiert. Allein das zählt. Es ist nicht zulässig, anstelle des offensichtliche Bevölkerungswillens einen anderen zu setzen. Solche mit Gewalt und Ideologie agierenden „Menschheitsbeglücker“ wie die Franzosen haben schon genug Katastrophen angerichtet. Das alles lehrt die Geschichte. Die hat leider kaum Schüler...

Gewalt, Bedrückungen und Ausplünderungen waren auch in anderen besetzten Gebieten an der Tagesordnung. Hier ist beispielhaft auf Aachen zu verweisen, wo die Bevölkerung nachhaltig und eindeutig die Franzosen, deren Ideologie und System abgelehnt hat. Deren Abzug wurde begeistert gefeiert. (Hansen Bd. II. S. 710 ff).

Anmerkung:

Die hohe Wertschätzung des politischen und gesellschaftlichen Lebens im Kurstaat mit modernster und fortschrittlicher Ausprägung im Vergleich zu den übrigen europäischen Staaten Ende des 18. Jh. hätte erwarten lassen, dass sich lokale Schriftsteller und Historiker damit und den hierzu vorhandenen Vorurteilen beschäftigen. Stattdessen war die „Mainzer Republik(lt. L. Bamberger „französelnde Missgeburt“) im Fokus, die unter allen Aspekten nur als Terrorregime kenntlich sein kann. Die durchweg in angenehmsten Bedingungen lebenden Mainzer haben nicht im Traum daran gedacht, ein System zu übernehmen, das im Herkunftsland für wiederkehrende große Hungersnöte, Verarmung, massiver Unterdrückung und polizeiliche Willkür sowie grausamste Metzeleien wie im September 1792 verantwortlich war.

Als die Franzosen gewaltsam über die Bürger kamen, waren gnadenlose Ausplünderung, Despotie und Restriktionen die Regel. Die Menschen wünschten sich die vorherigen Zeiten zurück. Weshalb hätten sie auch die Freiheiten und den Wohlstand im Kurstaat aufgeben sollen? Aus der Fülle der Fakten ergibt sich nicht der kleinste Hinweis für eine von den Franzosen angeblich angestoßene positive Entwicklung. Wie auch. Diesbezügliche Behauptungen bleiben ohne jeden Beleg und sind interessegeleitet, nachgerade recht peinlich. Niederträchtigkeiten und totalitäre Durchgriffe haben das blühende Gemeinwesen samt Infrastruktur im Kurstaat zerstört, die Bewohner wie Sklaven geknechtet.

Analogie im 20. Jh.: Auch die mit heftigster Propaganda für sich werbende DDR hat es nicht vermocht, die mit allen Segnungen der modernen Gesellschaft lebenden Bundesbürger von den „Vorteilen“ des sozialistischen Systems zu überzeugen. Im Gegenteil, die Machthaber hatten alle Hände zu tun, um den Exodus der Bürger von Ost nach West zu bremsen, auch mit rücksichtsloser Waffengewalt. Und ebenso wie 1792/93 wurde der umgekehrte Weg nur von denen gewählt, für die er mit handfesten – materiellen - Vorteilen verbunden war.